Artemisia Gentileschi

Vergessen für 300 Jahre, heute eine weltberühmte Barockmalerin

* 8. Juli 1593 Rom, Kirchenstaat (heute Italien)

† nach 1654 Neapel, Königreich Neapel (heute Italien)

Eine Frau des 17. Jarhunderts mit Feder in der Hand, korallfarbenem Oberteil und braunen Haaren
Veröffentlicht am: 04.07.2026Letzte Aktualisierung: 08.07.20262473 Worte17,7 Min. LesedauerCategories: , ,

Eine Frau packt ein Schwert, beugt sich über einen Mann und durchtrennt ihm die Kehle. Blut spritzt bis auf ihre Ärmel. Genau so malte Artemisia Gentileschi um 1620 die biblische Judith, wie sie den Feldherrn Holofernes tötet. Keine zarte Heldin, sondern eine Frau, die mit beiden Armen zupackt. Das Bild hängt heute in den Uffizien in Florenz.

Artemisia Gentileschi war die gefeiertste Malerin des 17. Jahrhunderts.¹ Sie arbeitete in Rom, Florenz, Venedig, Neapel und London. Zu ihren Auftraggebern zählten der Großherzog der Toskana, der spanische König Philipp IV. und der englische König Karl I.² Dieser Beitrag erzählt, wer sie war, wie sie malte und warum die Kunstgeschichte sie 300 Jahre lang fast vergaß.

Wer war Artemisia Gentileschi?

Artemisia Gentileschi kam am 8. Juli 1593 in Rom zur Welt.² Sie war das älteste Kind des Malers Orazio Gentileschi, der aus Pisa stammte. Schon als Mädchen arbeitete sie in seiner Werkstatt. Dort zeigte sie mehr Talent als ihre Brüder.²

Früh spezialisierte sie sich auf ein Thema, das vor ihr kaum eine Frau besetzt hatte: große weibliche Figuren aus Bibel und Mythologie. Judith, Susanna, Lucretia, Kleopatra, Esther – immer wieder rückte sie Frauen ins Zentrum.¹ Damit wurde sie zur bekanntesten Malerin ihrer Zeit. Gestorben ist sie nach 1654 in Neapel, im Alter von rund 60 Jahren.²

Lehrjahre in der Werkstatt ihres Vaters Orazio

Wer Artemisia Gentileschi ausbildete, ist eindeutig: ihr Vater Orazio.² Eine eigene Kunstschule blieb Frauen damals verschlossen. Also lernte sie zu Hause, indem sie Farben rieb, Leinwände grundierte und ihrem Vater bei der Arbeit zusah. Orazio stand selbst unter dem Einfluss von Caravaggio. Dessen harte Licht-Schatten-Malerei gab er an seine Tochter weiter.

Mit 17 Jahren signierte sie ihr erstes datiertes Werk. Es zeigt die biblische Susanna, die von zwei Männern beim Bade belauscht wird.³ Anders als ihre männlichen Kollegen malte Artemisia keine lüsterne Szene. Ihre Susanna windet sich, wehrt ab und dreht den Kopf weg. Das Gemälde von 1610 hängt heute auf Schloss Weißenstein im fränkischen Pommersfelden.³

Vergewaltigt, sitzen gelassen & gefoltert: Wer war Agostino Tassi?

Agostino Tassi war ein römischer Landschaftsmaler und arbeitete mit Orazio Gentileschi zusammen.⁴ Er sollte Artemisia in der Perspektive unterrichten. 1611 vergewaltigte er sie.² Danach versprach er ihr die Ehe, brach das Versprechen aber.

Daraufhin brachte Orazio ihn 1612 vor Gericht.² Der Prozess zog sich über sieben Monate. Um Artemisias Aussage zu prüfen, folterte man sie mit den sogenannten Sibille: Schnüre, die man um die Finger wickelte und festzog.¹ Ausgerechnet ihre Hände, ihr wichtigstes Werkzeug, sollten den Schmerz tragen.

Während die Schnüre sich strafften, hielt Artemisia an ihrer Aussage fest. „Ich habe die Wahrheit gesagt und werde es immer tun, denn sie ist wahr“, lautete eine ihrer überlieferten Antworten.¹ An Tassi gewandt sagte sie: „Das ist der Ring, den du mir gibst, und das sind deine Versprechen.“¹

Tassi gestand nie. Stattdessen verbreitete er, Artemisia habe mit vielen Männern verkehrt.⁴ Das Gericht verurteilte ihn dennoch. Es stellte ihn vor die Wahl: fünf Jahre Zwangsarbeit oder Verbannung aus Rom. Tassi wählte die Verbannung. Vollstreckt wurde sie nie.⁴ Kurz nach dem Prozess heiratete Artemisia den Florentiner Maler Pierantonio Stiattesi und verließ Rom.

Florenz: die erste Frau an der Kunstakademie

In Florenz begann Artemisias erfolgreichste Phase. 1616 nahm die Accademia delle Arti del Disegno sie auf – als erste Frau überhaupt.² Die Akademie war die angesehenste Künstlervereinigung der Stadt. Für eine Malerin bedeutete die Aufnahme einen Bruch mit allen Konventionen.

Auch die Medici förderten sie. Für Großherzog Cosimo II. malte sie eine büßende Maria Magdalena, die heute im Palazzo Pitti hängt.⁵ Zudem gab Michelangelo Buonarroti der Jüngere, ein Großneffe des berühmten Michelangelo, bei ihr ein Deckengemälde in Auftrag. Ihre „Allegorie der Inclination“ von 1616 zeigt eine nackte Frau auf Wolken, die einen Kompass hält und unter dem Polarstern liegt.⁶ Das Bild schmückt bis heute die Casa Buonarroti in Florenz.

In Florenz lernte Artemisia außerdem lesen und schreiben. Beim Prozess von 1612 hatte sie noch als Analphabetin gegolten.¹ Später verkehrte sie mit Gelehrten. Mit dem Astronomen Galileo Galilei stand sie in Briefkontakt; ein Brief von ihr an ihn ist auf 1635 datiert.⁶ Der Kompass in ihrer „Inclination“ könnte auf dieses Interesse an der Wissenschaft verweisen.⁶

Artemisia Gentileschis bekannteste Werke

Welche Werke von Artemisia Gentileschi sind die bekanntesten? Fast alle zeigen Frauen aus Bibel und Mythologie in einem entscheidenden Moment. Sechs davon stehen im Zentrum ihres Ruhms.

Susanna und die Ältesten (1610)

Die Geschichte stammt aus dem Buch Daniel. Zwei angesehene Männer bedrängen die junge Susanna beim Bad. Sie drohen, sie der Untreue zu bezichtigen, falls sie sich ihnen verweigert. Artemisia malte diese Szene mit 17 Jahren.³

Männliche Maler zeigten Susanna meist als verführerischen Akt für den Betrachter. Artemisia dreht die Perspektive um.³ Ihre Susanna windet sich weg, hebt abwehrend die Hände und presst das Gesicht zur Seite. Nicht die Lust der Männer steht im Bild, sondern die Not der Frau.³ Aus einem beliebten erotischen Motiv wird so eine Szene der Bedrängnis. Das Gemälde hängt auf Schloss Weißenstein im fränkischen Pommersfelden.³

Barockgemälde: Eine nackte junge Frau (Susanna) sitzt an einem Bad und wendet sich mit abwehrend erhobenen Händen und verdrehtem Oberkörper ab, während zwei Männer über der Steinbrüstung hinter ihr sich zu ihr herabbeugen und tuscheln.

Danaë (1612)

Der Stoff kommt aus der antiken Mythologie. Der Gott Zeus naht sich der eingesperrten Königstochter Danaë als goldener Regen. Artemisia zeigt Danaë nackt auf einem Bett, während Goldmünzen auf ihren Körper fallen. Eine Dienerin fängt die Münzen in ihrem blauen Rock auf.⁷

Artemisia malte das Bild mit 19 Jahren.⁷ Es führt vor, was sie bei ihrem Vater gelernt hatte: zarte Hauttöne, glänzendes Haar und schwere Stoffe, die sich echt anfühlen. Das Werk hängt heute im Saint Louis Art Museum in den USA.⁷

Barockgemälde: Eine nackte Frau (Danaë) liegt zurückgelehnt auf weißem Tuch, umgeben von herabfallenden Goldmünzen; eine ältere Dienerin fängt das Gold neben ihr auf

Judith enthauptet Holofernes (um 1613)

Die Erzählung stammt aus dem Buch Judit. Die Witwe Judith rettet ihre belagerte Stadt, indem sie den feindlichen Feldherrn Holofernes betrunken macht und ihm den Kopf abschlägt. Artemisia malte genau diesen Moment.

Zwei Frauen halten den sich wehrenden Mann nieder, während das Schwert seine Kehle durchtrennt. Judiths Magd Abra ist keine Zuschauerin, sondern hilft mit vollem Körpereinsatz. Blut spritzt in Bögen über das weiße Laken.⁸ Bei Caravaggio schreckt Judith noch zurück. Bei Artemisia packt sie fest zu.

Das Bild greift ein Thema auf, das viele ihrer Werke prägt: Frauen, die die Macht der Männer über sich überwinden.⁸ Auf Judiths Armreif ist Artemis zu sehen, die antike Göttin der Jagd. Fachleute deuten dieses Detail als Zeichen, dass Artemisia sich mit ihrer Heldin identifizierte.⁸ Manche sehen in Judith sogar ein verstecktes Selbstbildnis der Malerin.⁸

Es gibt zwei große Fassungen. Die ältere von etwa 1612 hängt im Museo di Capodimonte in Neapel. Die spätere von etwa 1620 zeigt Farben und Blut noch drastischer und hängt in den Uffizien in Florenz.⁸

Barockgemälde: Zwei Frauen halten einen Mann auf einem Bett nieder und enthaupten ihn mit einem Schwert; dramatisches Hell-Dunkel, Blut spritzt auf das weiße Laken

Jael und Sisera (1620)

Die Szene stammt aus dem Buch der Richter. Die Frau Jael gewährt dem fliehenden feindlichen Feldherrn Sisera Unterschlupf. Als er erschöpft einschläft, treibt sie ihm einen Zeltpflock durch die Schläfe.⁹ Das biblische Volk feiert sie dafür als Retterin.

Artemisia zeigt den Moment kurz vor dem Schlag. Jael holt ruhig und konzentriert aus, Sisera schläft ahnungslos an ihrem Schoß. Auf dem Steinblock im Bild hat Artemisia signiert. Das Werk von etwa 1620 hängt im Museum der Bildenden Künste in Budapest.⁹

Lucretia (um 1627)

Lucretia war eine römische Adlige. Der Königssohn Tarquinius vergewaltigte sie. Um ihre Ehre zu wahren, nahm sie sich danach das Leben. Ihr Tod löste der Sage nach den Sturz der römischen Königsherrschaft aus.

Das Gemälde „Lucretia“ zeigt nicht die Gewalttat, sondern den Moment kurz vor ihrem Freitod. Lucretia sitzt allein da, den Dolch an der eigenen Brust, den Blick nach oben gerichtet.¹⁰ Im Bild steht ihre eigene Entscheidung, nicht die Gewalt gegen sie. Die bekannteste Fassung entstand um 1627 und hängt seit 2021 im Getty Museum in Los Angeles.¹⁰

Barockgemälde: Eine halbnackte Frau (Lucretia) sitzt zurückgelehnt, den Kopf verzweifelt zur Seite geneigt, und hält einen Dolch in Richtung ihrer Brust; dramatisches Hell-Dunkel

Tarquinius und Lucretia (um 1627–1630)

Dieses Gemälde zeigt einen früheren Augenblick derselben Sage: nicht den Freitod, sondern den Überfall. Tarquinius bedroht Lucretia mit dem Dolch, an ihrer Seite eine zweite Figur, ein Sklave.¹¹ Die Stiftung, der das Bild gehört, hebt hervor, dass Artemisia Lucretia hier als Opfer von Gewalt zeigt.¹¹ Trotz des ähnlichen Namens ist es ein eigenständiges Werk, nicht die „Lucretia“ des Getty Museums.

Eine Pigmentanalyse datiert die Fassung auf 1627 bis 1630.¹¹ Friedrich der Große erwarb das Bild; seit 1768 hängt es in der Oberen Galerie des Neuen Palais in Potsdam.¹¹

Barockgemälde: Ein Mann (Tarquinius) beugt sich gewaltsam über eine halbnackte Frau (Lucretia) auf einem Bett, hebt drohend die Hand und drückt sie nieder, während sie sich wehrt; dramatisches Hell-Dunkel

Bathseba im Bade (um 1636/37)

Die Geschichte steht im zweiten Buch Samuel. König David sieht vom Dach seines Palastes aus die badende Bathseba und begehrt sie. Wie in ihren übrigen Bildern rückt Artemisia die Frau in den Mittelpunkt.¹²

Die Fassung von etwa 1636/37 entstand in Neapel, wo Artemisia oft mit anderen Malern zusammenarbeitete.¹² Sie gehört heute zum Columbus Museum of Art in Ohio und zählt dort zu den wichtigsten europäischen Werken.¹²

Barockgemälde: Eine nackte Frau (Bathseba) sitzt beim Bade, während Dienerinnen sie mit Tüchern und Schmuck umsorgen; im Hintergrund ist eine Architektur mit der Figur des beobachtenden König David angedeutet.

Selbstbildnis als Allegorie der Malerei (um 1638/39)

In diesem Bild malt Artemisia sich selbst als „La Pittura“, die Verkörperung der Malkunst. Sie hält Pinsel und Palette, das Haar ist zerzaust, der Ärmel hochgekrempelt. Um den Hals trägt sie eine Maske als Anhänger, ein festes Zeichen der Malerei.¹

Nach der Kunsttheorie der Zeit war die „Pittura“ immer eine weibliche Figur. Ein männlicher Maler konnte sie darstellen, aber niemals selbst verkörpern. Artemisia dagegen war Malerin und Allegorie in einem Körper.¹ Damit beansprucht sie die Kunst selbst für sich, nicht bloß eine Rolle in ihr. Das Bild gehört zur britischen Royal Collection.¹

Barockgemälde: Eine Frau in grünem Kleid mit hochgekrempelten Ärmeln beugt sich konzentriert nach vorn und malt mit Pinsel und Palette; sie trägt eine goldene Kette mit Maskenanhänger und wildes, aufgestecktes Haar.

Welche Techniken nutzte Artemisia Gentileschi für ihre Lichteffekte?

Artemisia Gentileschi arbeitete mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten. Diese Technik heißt Chiaroscuro.⁸ In ihrer extremen Form, dem Tenebrismus, versinkt fast das ganze Bild im Dunkel. Nur ein schmaler Lichtkegel trifft die Hauptfiguren.

Das Prinzip übernahm sie von Caravaggio, dessen Stil ihr Vater Orazio bereits pflegte. Meist fällt das Licht von schräg oben links ein. Es modelliert Arme, Hände und Gesichter heraus, während der Hintergrund schwarz bleibt.⁸ So lenkt Artemisia den Blick genau auf die entscheidende Geste: das angesetzte Schwert, die gespreizte Hand, den abgewandten Kopf.

Dazu kommt ihr Sinn für Körper. Artemisia durfte als eine der wenigen Frauen ihrer Zeit nach lebenden Aktmodellen malen.⁶ Deshalb wirken Haut, Falten und Muskeln bei ihr ungewöhnlich echt. Genau diese Mischung aus hartem Licht und realem Körper macht ihre Bilder so eindringlich.

Welche Farben verwendete Artemisia Gentileschi typischerweise?

Typisch für Artemisia sind tiefe, satte Farben. Sie setzte kräftige Primärtöne ein: leuchtendes Blau, warmes Gold und dunkles Rot.⁸ In der neapolitanischen „Judith“ trägt die Heldin ein blaues Kleid mit Goldtönen, ihre Magd ein rotes Gewand.⁸

Diese Farben stehen vor sehr dunklen Hintergründen. Der Kontrast lässt sie noch intensiver wirken. Für die Haut wählte Artemisia warme, realistische Töne. So entsteht der Eindruck von Wärme und Gewicht, selbst in den brutalsten Szenen.

Neapel, London und die letzten Jahre

Um 1630 zog Artemisia nach Neapel. Dort führte sie eine gut gehende Werkstatt mit eigenen Schülern.¹ Vermutlich lernte auch ihre Tochter Prudenzia dort das Malen. Neapel blieb bis zum Ende ihr Lebensmittelpunkt.

1638 reiste sie nach London. Dort besuchte sie ihren Vater Orazio, der inzwischen Hofmaler von König Karl I. und Königin Henrietta Maria war.² Vater und Tochter arbeiteten womöglich gemeinsam an den Deckenbildern im Queen’s House in Greenwich. Um 1640 oder 1641 kehrte Artemisia nach Neapel zurück.²

Aus diesen Jahren stammen ihre selbstbewusstesten Sätze. 1649 verteidigte sie gegenüber dem sizilianischen Sammler Antonio Ruffo den Preis für ein Gemälde. „Bei mir wird Eure Durchlaucht nicht verlieren, und Ihr werdet den Geist Cäsars in der Seele einer Frau finden“, schrieb sie.¹ Den Vorbehalt ihrer Zeit kannte sie genau: Der Name einer Frau wecke Zweifel, bis man ihr Werk gesehen habe.¹ Ihre Bilder, so Artemisia, würden für sich selbst sprechen.¹

Wenige Monate später schrieb sie an denselben Sammler den Satz, für den man sie bis heute zitiert: „Ich werde Eurer Durchlaucht zeigen, was eine Frau zu leisten vermag.“¹ Artemisia Gentileschi starb nach 1654 in Neapel. Ihr genaues Todesdatum ist nicht überliefert.²

Ihr Einfluss auf die Barockmalerei

Artemisia trug die Bildsprache Caravaggios in halb Europa. Auf ihren Reisen nach Florenz, Venedig, Neapel und London verbreitete sie den dramatischen Caravaggismus.² In Neapel, einem Zentrum der Barockmalerei, gingen viele jüngere Maler durch ihre Werkstatt.

Ihr eigentlicher Beitrag liegt aber im Blickwinkel. Artemisia erzählte bekannte Stoffe aus der Perspektive der Frauen, die in ihnen vorkommen.¹ Ihre Judith mordet konzentriert und ohne Zögern, ihre Susanna leidet sichtbar unter den Blicken der Männer. Diese Sicht war im Barock neu. Sie wirkt bis in die feministische Kunst des 20. Jahrhunderts nach.

Wie Artemisia Gentileschi und Sofonisba Anguissola die Rolle der Frau in der Kunst veränderten

Artemisia war nicht die einzige Malerin ihrer Epoche. Eine Generation vor ihr hatte Sofonisba Anguissola aus Cremona, geboren um 1530, internationalen Ruhm erlangt. Anguissola war die erste Malerin der Renaissance mit einer Karriere über Ländergrenzen hinweg. Sie diente am spanischen Hof und perfektionierte das Selbstporträt.

Beide Frauen arbeiteten gegen dieselben Schranken. Eine Frau im Italien des 16. und 17. Jahrhunderts hatte kaum Berufsoptionen: Kloster oder Mutterschaft.¹³ Über Geld und Verträge entschieden die Männer der Familie. Vor allem aber blieb Frauen das Aktstudium verboten, also das Zeichnen nach dem nackten Modell.¹³

Genau hier verschob Artemisia die Grenze. Sie malte weibliche Akte aus eigener Anschauung und stellte ihre Heldinnen als handelnde, körperlich präsente Figuren dar. Damit lieferten Anguissola und Gentileschi den Beweis, dass Frauen auf höchstem Niveau malen konnten. Dass beide nach ihrem Tod aus den Kunstgeschichten verschwanden, sagt mehr über deren Verfasser als über die Malerinnen.¹³

Warum Artemisia Gentileschi heute so berühmt ist

Zu Lebzeiten war Artemisia gefeiert. Nach ihrem Tod verschwand ihr Name fast vollständig aus der Kunstgeschichte.¹³ Über zweihundert Jahre galten viele ihrer Bilder als Werke männlicher Maler, oft ihres Vaters.

Die Wende kam 1916. Der italienische Kunsthistoriker Roberto Longhi, ein Caravaggio-Forscher, untersuchte Vater und Tochter Gentileschi neu.¹³ Über Artemisia schrieb er, sie sei „die einzige Frau in Italien, die je wusste, was Malerei, Farbe und Zeichnung sind“.¹³ Damit holte er sie zurück ins Gespräch.

Richtig berühmt wurde sie erst in den 1970er- und 1980er-Jahren. Die feministische Kunstgeschichte entdeckte in ihr eine Vorläuferin.¹⁴ 1989 legte die Kunsthistorikerin Mary Garrard die erste umfassende Lebensdarstellung vor und deutete Artemisias Werk aus weiblicher Sicht.¹⁵ Seither steht sie fest im Kanon.

Heute erzielen ihre Bilder Millionenpreise und füllen große Ausstellungen. 2014 kaufte ein US-Museum ihr „Selbstbildnis als Lautenspielerin“ für über drei Millionen Dollar.¹⁴ 2020 widmete ihr die National Gallery in London eine große Einzelausstellung.¹ Was Artemisia an ihren Auftraggeber Ruffo schrieb, gilt heute mehr denn je: Ihre Werke sprechen für sich selbst.

* Dein Kauf stärkt feministische Projekte

Einige der Links auf dieser Seite sind sogenannte Affiliate-Links. Als AWIN-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen. Wenn du über einen dieser mit „(Werbung*)“ gekennzeichneten Links einkaufst, erhalte ich vom jeweiligen Anbieter eine kleine Provision – für dich entstehen dabei keine Mehrkosten. Das Beste daran: Alle Provisionen werden an feministische Projekte gespendet. Support mit Wirkung – ganz einfach!

Auch unvergessen:

Bildquellen

Textquellen

  1. Treves, Letizia: „Artemisia in her own words“. The National Gallery, London
  2. „Artemisia Gentileschi“. Encyclopædia Britannica
  3. Harris, Beth; Zucker, Steven: „Artemisia Gentileschi, Susanna and the Elders“. Smarthistory
  4. „Artemisia Gentileschi: Life and Legacy“. The Art Story
  5. „Artemisia exhibition at Casa Buonarroti“. The Florentine
  6. „The restoration of Artemisia Gentileschi’s Inclination in Casa Buonarroti“. Casa Buonarroti
  7. „Danaë“. Saint Louis Art Museum
  8. „‚Judith Slaying Holofernes‘ by Artemisia Gentileschi – An Analysis“. Art in Context
  9. „Jael and Sisera“. Museum of Fine Arts, Budapest
  10. „Lucretia“. J. Paul Getty Museum
  11. „Artemisia Gentileschi, Tarquinius and Lucretia“. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg
  12. „Columbus Museum of Art Presents ‚Artemisia Gentileschi: Naples to Beirut'“. Columbus Museum of Art
  13. „Artemisia Gentileschi: The Long Road to Recognition“. The Art Story
  14. „Artemisia Gentileschi Made History with 17th-Century Feminist Art. These Are Her Most Famous Works“. ARTnews
  15. Garrard, Mary D.: Artemisia Gentileschi: The Image of the Female Hero in Italian Baroque Art. Princeton University Press, 1989.