Frauen in MINT-Berufen

Was ist MINT? Was sind MINT-Fächer?
MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Der Begriff umfasst akademische Studienfächer. Außerdem zählen Ausbildungs- und Berufsfelder dazu. Im englischsprachigen Raum entspricht MINT dem Akronym STEM (Science, Technology, Engineering, Mathematics).
Zu den MINT-Fächern zählen:
- Mathematik: reine und angewandte Mathematik, Statistik
- Informatik: Software-Entwicklung, Datenwissenschaft, Künstliche Intelligenz, Cybersicherheit
- Naturwissenschaften: Physik, Chemie, Biologie, Geowissenschaften, Astronomie
- Technik: Maschinenbau, Elektrotechnik, Bauingenieurwesen, Verfahrenstechnik, Mechatronik
Auch Medizin, Pharmazie und Architektur werden oft den MINT-nahen Disziplinen zugerechnet. Denn MINT-Berufe sind für die Innovationskraft einer Volkswirtschaft zentral. Genau hier öffnet sich jedoch seit Jahrzehnten eine Lücke. Sie bereitet Deutschland zunehmend Probleme.
Frauen in MINT-Berufen: Statistik 2024/2025
Die aktuellen Zahlen zeichnen ein doppeltes Bild. Einerseits gibt es einen langsamen Aufstieg an den Hochschulen. Andererseits bleibt die betriebliche Realität nahezu unverändert.
Studium
Im Studienjahr 2024 waren 36 Prozent der Studienanfängerinnen und Studienanfänger im 1. Fachsemester eines MINT-Fachs Frauen. Das ist ein neuer Höchststand. Zehn Jahre zuvor lag der Anteil dagegen bei 31 Prozent (Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. N006 vom 28. Januar 2026). Insgesamt entschieden sich rund 318.800 junge Menschen für ein MINT-Studium. Davon waren etwa 115.000 Frauen.
Die Verteilung innerhalb der Fächer bleibt allerdings extrem ungleich. In Innenarchitektur liegt der Frauenanteil bei 87 Prozent. In Fahrzeugtechnik dagegen nur bei 10 Prozent (Destatis 2026). Wer also „MINT“ sagt, sagt deshalb noch lange nicht „Vielfalt“. Denn Informatik, Maschinenbau und Elektrotechnik bleiben männlich dominiert.
Ausbildung
In der dualen Berufsausbildung ist das Bild deutlich härter. Nur 12 Prozent der neu gestarteten Auszubildenden in MINT-Berufen waren 2024 Frauen. Vor zehn Jahren waren es 11 Prozent. Bewegung gibt es also kaum (Destatis 2026). Im Beruf der Anlagenmechanikerin für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik liegt der Frauenanteil sogar nur bei 3 Prozent.
Arbeitsmarkt
Im dritten Quartal 2024 waren rund 1,17 Millionen Frauen in MINT-Berufen beschäftigt. Das entspricht einem Anteil von 16,4 Prozent an allen MINT-Beschäftigten (MINT-Frühjahrsreport 2025 des Instituts der deutschen Wirtschaft). 2012 waren es dagegen nur 13,8 Prozent. In zwölf Jahren ist der Frauenanteil also um knapp drei Prozentpunkte gewachsen. Gleichzeitig liegt die MINT-Fachkräftelücke aktuell bei rund 163.600 Personen (Stand April 2025).
Regional reicht die Spanne von 22,6 Prozent in Berlin bis 13,6 Prozent im Saarland. In Zweibrücken arbeiten nur 7,2 Prozent Frauen in MINT-Berufen. Im bayerischen Weilheim-Schongau sind es dagegen 27,1 Prozent (IW-Auswertung 2025).
Warum gibt es weniger Frauen in MINT-Berufen?
Diese Frage gehört zu den meistgesuchten zum Thema. Die Antwort ist allerdings unbequem. Denn sie verweist nicht auf eine einzige Ursache. Stattdessen wirkt ein selbstverstärkendes System aus Schule, Studium, Beruf und Bild von Wissenschaft. Vier Faktoren lassen sich dabei empirisch nachweisen.
Mathematische Selbstwirksamkeit – früh erlernt, lange wirksam
Mädchen schätzen ihre Mathematikleistungen häufiger als unterdurchschnittlich ein. Das gilt selbst dann, wenn ihre Noten denen ihrer Mitschüler entsprechen. Die OECD wies dieses Muster in der PISA-Studie 2012 in 65 Ländern nach. Bei gleicher Testleistung berichteten Mädchen also über deutlich weniger mathematisches Selbstvertrauen als Jungen. Auch in PISA 2022 wurde dieser Self-Efficacy Gap erneut bestätigt.
Es ist deshalb keine Frage der Begabung, sondern der Zuschreibung. Und sie prägt Studienwahl, Bewerbung und Karriereentscheidung über Jahre hinweg.
Die abwesende Vorbildfrau
In den Schulbüchern, in denen die Doppelhelix erklärt wird, stehen sechs von sieben Mal Watson und Crick. Rosalind Franklin taucht meist nur als Fußnote auf. Wer keine Wissenschaftlerin im eigenen Umfeld kennt, denkt deshalb seltener an einen MINT-Beruf als realistische Option für sich selbst.
Eine Studie von Microsoft mit 11.500 Schülerinnen aus zwölf europäischen Ländern (2017) zeigte: Mädchen interessieren sich zwischen 11 und 15 Jahren stark für MINT. Spätestens mit 16 Jahren verlieren sie das Interesse jedoch wieder. Genau dann werden Studien- und Berufsentscheidungen vorbereitet. Hauptgrund laut Studie: das Fehlen weiblicher Rollenmodelle.
Strukturelle Hürden im Berufsleben
Mehr als die Hälfte der Frauen verlässt die Tech-Branche zur Mitte der Karriere. Das zeigte eine McKinsey-Untersuchung von 2023. Gründe sind unter anderem fehlende Aufstiegsmöglichkeiten, Gender-Pay-Gap und Diskriminierungserfahrungen. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielt eine Rolle. Wer aber geht, fehlt dann auch als Vorgesetzte oder als Mentorin. Die Lücke schließt sich also selbst.
Der Matilda-Effekt – wenn Anerkennung verschwindet
Den Begriff prägte 1993 die US-Wissenschaftshistorikerin Margaret W. Rossiter. Sie veröffentlichte ihn im Aufsatz The Matthew Matilda Effect in Science. Er beschreibt das systematische Verschwinden weiblicher Forschungsleistung aus der wissenschaftlichen Anerkennung.
Die Liste ist lang: Lise Meitner (Kernspaltung), Rosalind Franklin (DNA-Struktur), Jocelyn Bell Burnell (Pulsare), Chien-Shiung Wu (Paritätsverletzung), Esther Lederberg (Bakteriengenetik). Wo Anerkennung fehlt, fehlen außerdem Karrierechancen, Forschungsmittel und Mentoring. Damit fehlen wiederum Vorbilder für die nächste Generation. Der Kreis schließt sich also beim ersten Punkt – bei der Selbstwirksamkeit junger Mädchen.
Frauen und der Nobelpreis: Der Gender Award Gap in Zahlen
Der Nobelpreis ist die international sichtbarste Auszeichnung wissenschaftlicher Exzellenz. Genau deshalb ist seine Geschlechterverteilung ein präziser Spiegel struktureller Ungleichheit. Die folgenden Zahlen beziehen sich auf alle vergebenen Nobelpreise von 1901 bis 2025 (Nobel Foundation, ausgewertet bei Statista, Stand Oktober 2025).
Insgesamt: 93,4 Prozent der Nobelpreise gingen an Männer, 6,6 Prozent an Frauen. Bei den naturwissenschaftlichen Preisen ist die Lücke jedoch noch deutlich größer:
- Physik: 97,8 Prozent Männer, 2,2 Prozent Frauen. Insgesamt fünf Frauen seit 1901: Marie Curie (1903), Maria Goeppert-Mayer (1963), Donna Strickland (2018), Andrea Ghez (2020) und Anne L’Huillier (2023).
- Chemie: 96 Prozent Männer, 4 Prozent Frauen. Acht Auszeichnungen, darunter Marie Curie (1911), Irène Joliot-Curie (1935), Dorothy Crowfoot Hodgkin (1964), Ada Yonath (2009), Frances Arnold (2018), Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna (2020 für CRISPR/Cas9) sowie Carolyn Bertozzi (2022).
- Physiologie/Medizin: 94 Prozent Männer, 6 Prozent Frauen. 14 Auszeichnungen, darunter Gerty Cori (1947), Barbara McClintock (1983), Rita Levi-Montalcini (1986), Christiane Nüsslein-Volhard (1995), Tu Youyou (2015) und Katalin Karikó (2023).
- Wirtschaftswissenschaften (seit 1969, kein originärer Nobelpreis): 97 Prozent Männer, 3 Prozent Frauen. Drei Auszeichnungen: Elinor Ostrom (2009), Esther Duflo (2019) und Claudia Goldin (2023, ausgerechnet für ihre Forschung zum Gender-Gap am Arbeitsmarkt).
Zum Vergleich: In den geisteswissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Kategorien liegt der Frauenanteil deutlich höher. Bei Literatur sind es 14,8 Prozent (18 Frauen). Beim Friedensnobelpreis sogar 17,9 Prozent (20 Frauen). Die naturwissenschaftliche Lücke ist also keine allgemeine Nobelpreis-Lücke, sondern eine MINT-Lücke.
Bewegung gibt es immerhin: Im Jahrzehnt 2011–2020 lag der Gesamt-Frauenanteil bei 14,5 Prozent. Von 2021 bis 2025 stieg er auf 16,4 Prozent (meta-IFiF 2025). Marie Curie bleibt jedoch bis heute die einzige Frau mit zwei Nobelpreisen. Sie und ihre Tochter Irène Joliot-Curie sind außerdem das einzige Mutter-Tochter-Gespann unter allen Preisträger:innen seit 1901.
Förderungen und Stipendien für Frauen in MINT
Der Mangel an Vorbildern, die strukturellen Hürden, die Fachkräftelücke – auf all das reagieren Bund, Länder, Stiftungen und Unternehmen mit gezielten Förderprogrammen. Eine Auswahl der bekanntesten:
Bundesweite Initiativen
„Komm, mach MINT“ ist die einzige bundesweite Netzwerkinitiative, die Mädchen und Frauen für MINT-Studiengänge und -Berufe gewinnen will. Sie wurde 2008 als Reaktion auf den Nationalen Pakt für Frauen in MINT-Berufen gegründet und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.
Das Professorinnenprogramm, ebenfalls 2008 von Bund und Ländern eingerichtet, finanziert Erstberufungen von Frauen auf Professuren – seit 2024 in der vierten Programmphase mit zusätzlichem Schwerpunkt auf Strukturwandel.
Stipendien für Studentinnen
- Christiane Nüsslein-Volhard-Stiftung: Promotionsstipendien für hochqualifizierte Doktorandinnen in experimentellen Naturwissenschaften und Medizin – gegründet von der Nobelpreisträgerin selbst, um Wissenschaftlerinnen mit Kindern Forschungszeit zu ermöglichen.
- Margarete-von-Wrangell-Habilitationsprogramm (Baden-Württemberg): bis zu drei Jahre Habilitationsförderung speziell für Frauen.
- B-MINT der Claussen-Simon-Stiftung: 300 bis 992 Euro monatlich für junge Frauen im MINT-Bachelorstudium in Hamburg.
- MTU Studien-Stiftung: Förderung von Frauen in naturwissenschaftlich-technischen Studiengängen, getragen vom Triebwerkshersteller MTU.
- proTechnicale: Vorbereitungsprogramm in Hamburg, das junge Frauen fachlich und persönlich auf ein MINT-Studium vorbereitet.
Mentoring & Netzwerke
femtec ist das Karrierenetzwerk für MINT-Studentinnen und Absolventinnen mit Sitz in Berlin – eine Kooperation von neun Technischen Universitäten und Industriepartnern. Girls Who Code (international) und der Deutsche Ingenieurinnenbund (dib) vernetzen Schülerinnen, Studentinnen und Berufstätige. Eine umfassende Datenbank für weitere Programme bietet der Stipendienlotse des BMBF.
Astronomie & Raumfahrt
Caroline Herschel entdeckte zwischen 1786 und 1797 acht Kometen. 1787 erhielt sie deshalb vom englischen König Georg III. ein Astronomiegehalt von 50 Pfund jährlich. Henrietta Swan Leavitt entwickelte 1912 die Perioden-Leuchtkraft-Beziehung der Cepheiden. Mit diesem Werkzeug vermaß Edwin Hubble später das Universum. Katherine Johnson berechnete als „Computer“ der NASA die Flugbahnen für Alan Shepards Mercury-Flug 1961 und John Glenns Erdumkreisung 1962. Vera Rubin wies in den 1970er-Jahren die Existenz Dunkler Materie nach. Jocelyn Bell Burnell identifizierte 1967 als Doktorandin in Cambridge die ersten Pulsare. Walentina Tereschkowa umkreiste 1963 als erste Frau die Erde – an Bord der Wostok 6.
Geologie, Biologie & Ökologie
Mary Anning bekam zu Lebzeiten keinen wissenschaftlichen Titel. Trotzdem grub sie 1811 das erste vollständige Ichthyosaurus-Skelett aus und 1823 das erste komplette Plesiosaurus-Skelett. Maria Sibylla Merian reiste 1699 nach Surinam und dokumentierte den Lebenszyklus tropischer Insekten – ihr Werk Metamorphosis Insectorum Surinamensium (1705) prägte die Entomologie. Inge Lehmann bewies 1936 die Existenz eines festen inneren Erdkerns. Jane Goodall beobachtete ab 1960 in Tansania, wie Schimpansen Werkzeuge herstellten. Rachel Carson löste 1962 mit Silent Spring die moderne Umweltbewegung aus. Wangari Maathai gründete 1977 das Green-Belt-Movement und erhielt 2004 als erste Afrikanerin den Friedensnobelpreis.
Medizin & Arzneikunde
Florence Nightingale verbesserte 1854 die Hygiene des Lazaretts in Scutari und senkte die Sterberate dort von 42 auf 2 Prozent. Elizabeth Blackwell schloss 1849 als erste Frau in den USA ein Medizinstudium ab. Virginia Apgar entwickelte 1952 den Apgar-Score zur Beurteilung Neugeborener – fünf Kriterien, weltweiter Standard. Gerty Cori erhielt 1947 als dritte Frau den Nobelpreis für Medizin. Rosalind Franklin lieferte 1952 mit „Photo 51″ die DNA-Aufnahme, ohne die Watson und Crick die Doppelhelix nicht hätten beschreiben können. Tu Youyou entdeckte 1972 das Malariamittel Artemisinin und erhielt dafür 2015 den Medizinnobelpreis. Katalin Karikó legte mit ihrer mRNA-Forschung die Grundlagen für die Corona-Impfstoffe – Nobelpreis 2023.
Physik, Chemie & Mathematik
Hypatia von Alexandria unterrichtete im späten 4. Jahrhundert Mathematik, Astronomie und Philosophie und wurde 415 von einem christlichen Mob ermordet. Sophie Germain korrespondierte ab 1804 unter dem männlichen Pseudonym „Monsieur Le Blanc“ mit Carl Friedrich Gauß und legte Grundlagen der mathematischen Physik. Marie Curie isolierte ab 1898 die Elemente Polonium und Radium – Nobelpreis Physik 1903, Nobelpreis Chemie 1911. Lise Meitner beschrieb 1939 die physikalische Erklärung der Kernspaltung – Otto Hahn erhielt dafür 1944 jedoch allein den Chemie-Nobelpreis. Emmy Noether veröffentlichte 1918 das Noether-Theorem – eine Grundlage der modernen theoretischen Physik. Chien-Shiung Wu widerlegte 1956 den Paritätserhaltungssatz – den Nobelpreis bekamen 1957 jedoch zwei männliche Theoretiker. Maryam Mirzakhani erhielt 2014 als erste und bislang einzige Frau die Fields-Medaille.
Technik & Informatik
Ada Lovelace schrieb 1843 den ersten Algorithmus, der für eine Maschine konzipiert war – sie gilt deshalb als erste Programmiererin der Geschichte. Hedy Lamarr ließ 1942 das Frequenzsprungverfahren patentieren – die technische Grundlage moderner WLAN-, Bluetooth- und GPS-Übertragungen. Grace Hopper entwickelte 1952 den ersten Compiler. Margaret Hamilton leitete am MIT das Software-Team der Apollo-Mission und prägte 1968 den Begriff Software Engineering. Radia Perlman entwickelte 1985 das Spanning Tree Protocol, eine Grundlage moderner Netzwerktopologien. Stephanie Kwolek synthetisierte 1965 die Polyamid-Faser, die unter dem Namen Kevlar weltweit verwendet wird. Fei-Fei Li initiierte 2007 zudem das Projekt ImageNet – die Grundlage heutiger KI-Bilderkennung.
Warum diese Geschichten heute zählen
Im April 2025 meldete Deutschland eine MINT-Fachkräftelücke von 163.600 Personen. Die Frage nach den fehlenden Frauen ist deshalb längst nicht mehr nur eine Frage der Gleichberechtigung. Sie ist vielmehr eine ökonomische Schlüsselfrage. Die Studienanfängerinnenzahlen steigen zwar. Die Beschäftigungszahlen wachsen jedoch langsamer. Und der Anteil von Frauen unter den naturwissenschaftlichen Nobelpreisträger:innen liegt seit 124 Jahren bei unter 7 Prozent.
Was bleibt, ist die Sichtbarkeit. Genau das lässt sich auf einer Seite wie dieser tatsächlich ändern. Wer Caroline Herschel, Maryam Mirzakhani oder Katalin Karikó kennt, hat ein anderes Bild davon, wer Wissenschaft macht. Die Biografien auf HER LEGACY MATTERS folgen deshalb alle dem gleichen Prinzip. Sie fragen: Was hat diese Frau konkret getan, wo, wann, mit welchen Mitteln? Und was war der Widerstand, den sie überwinden musste?
Bildquellen:
- Wassertropfchen auf einer Oberfläche — Foto:
dkoi via Unsplash.
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