Nobelpreisträgerinnen

Was ist der Nobelpreis?
Der schwedische Chemiker und Dynamit-Erfinder Alfred Nobel verfügte in seinem Testament von 1895 die Gründung einer Stiftung, deren Zinserträge jährlich Preise in Physik, Chemie, Physiologie oder Medizin, Literatur und für Friedensbemühungen finanzieren sollten. Die erste Verleihung fand 1901 in Stockholm und Oslo statt. Die Schwedische Reichsbank stiftete 1968 zusätzlich den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften, der seit 1969 verliehen wird. Geehrt werden Menschen, die laut Nobels Formulierung „der Menschheit den größten Nutzen erbracht“ haben. Wer diesen Nutzen definiert und nach welchen Kriterien, war über Jahrzehnte hinweg eine Frage, die fast ausschließlich Männer beantworteten.
Wie viele Frauen haben den Nobelpreis gewonnen?
Bis 2025 erhielten 68 Frauen einen Nobelpreis. Da Marie Curie zweimal ausgezeichnet wurde, einmal in Physik und einmal in Chemie, ergibt das 69 Auszeichnungen. Bei insgesamt 995 Preisträgerinnen und Preisträgern liegt der Frauenanteil seit 1901 bei 6,8 Prozent. Im Jahrzehnt 1951 bis 1960 ging kein einziger Preis an eine Frau. Erst um die Jahrtausendwende setzt eine sichtbare Bewegung ein: Zwischen 2001 und 2010 stieg der Frauenanteil auf 9,4 Prozent, im Jahrzehnt 2011 bis 2020 erstmals auf 14,5 Prozent. Im laufenden Zeitraum 2021 bis 2025 liegt er bei 16,4 Prozent.
Die Verteilung nach Kategorien zeigt, wo sich die strukturelle Schieflage besonders deutlich abbildet:
- Physik: 2,2 Prozent Frauenanteil (5 von 229 Ausgezeichneten)
- Wirtschaftswissenschaften: 3,0 Prozent (3 von 99 Ausgezeichneten)
- Chemie: 4,1 Prozent (8 von 197 Ausgezeichneten)
- Physiologie oder Medizin: 6,0 Prozent (14 von 232 Ausgezeichneten)
- Literatur: 14,8 Prozent (18 von 121 Ausgezeichneten)
- Frieden: 17,9 Prozent (20 von 111 Ausgezeichneten)
Der Friedensnobelpreis weist damit den höchsten Frauenanteil auf, der Physik-Nobelpreis den niedrigsten.
Erste Nobelpreisträgerin: Marie Curie 1903
Marie Curie erhielt 1903 gemeinsam mit ihrem Mann Pierre Curie und Henri Becquerel den Physik-Nobelpreis für die Erforschung der von Becquerel entdeckten Strahlungsphänomene. Sie wurde damit die erste Frau, die einen Nobelpreis bekam. Geboren 1867 in Warschau als Maria Skłodowska, hatte sie in Paris an der Sorbonne studiert, weil polnische Universitäten Frauen damals ausschlossen. 1911 folgte ihr zweiter Nobelpreis, diesmal in Chemie, für die Entdeckung der Elemente Polonium und Radium und die Untersuchung des reinen Radiums.
Welche Frau hat zwei Nobelpreise erhalten?
Marie Curie ist bis heute die einzige Frau mit zwei Nobelpreisen. Sie ist außerdem die einzige Person, die jemals in zwei verschiedenen wissenschaftlichen Kategorien ausgezeichnet wurde, einmal in Physik (1903) und einmal in Chemie (1911). Linus Pauling gewann zwar ebenfalls zwei Nobelpreise, allerdings einen für Chemie und einen für Frieden, also nur einen in einer Naturwissenschaft. Curies Tochter Irène Joliot-Curie erhielt 1935 gemeinsam mit ihrem Ehemann Frédéric Joliot den Chemie-Nobelpreis für die Entdeckung der künstlichen Radioaktivität. Die Familie Curie bleibt damit die einzige, in der Mutter und Tochter Nobelpreise gewannen.
Nobelpreisträgerinnen Physik: fünf Frauen in über 120 Jahren
In der Geschichte des Physik-Nobelpreises wurden fünf Frauen ausgezeichnet. Zwischen Marie Curies Preis 1903 und der zweiten weiblichen Preisträgerin lagen 60 Jahre.
- Marie Curie (1903) für die Erforschung der Strahlungsphänomene, gemeinsam mit Pierre Curie und Henri Becquerel.
- Maria Goeppert-Mayer (1963) für die theoretische Entwicklung des Schalenmodells des Atomkerns, gemeinsam mit J. Hans D. Jensen und Eugene Wigner. Die deutsch-amerikanische Physikerin arbeitete jahrzehntelang ohne festes Gehalt an US-amerikanischen Universitäten, weil Nepotismus-Regeln ihre Anstellung neben ihrem Ehemann verhinderten.
- Donna Strickland (2018) für die Methode der Chirped Pulse Amplification, die hochintensive Laserpulse erzeugt und heute Millionen Augenoperationen jährlich ermöglicht. Strickland war zum Zeitpunkt der Auszeichnung in Wikipedia noch nicht als eigenständiger Artikel verzeichnet.
- Andrea Ghez (2020) für den Nachweis eines supermassereichen kompakten Objekts im Zentrum unserer Galaxie, ein Schwarzes Loch mit der Masse von vier Millionen Sonnen.
- Anne L’Huillier (2023) für experimentelle Methoden, die Attosekundenpulse von Licht zur Untersuchung der Elektronendynamik in Materie erzeugen.
Übergangene Forscherinnen: der Matilda-Effekt
Der Soziologe Robert K. Merton beschrieb 1968 den Matthäus-Effekt, nach dem etablierte Wissenschaftler unverhältnismäßig hohe Anerkennung erhalten. Die Wissenschaftshistorikerin Margaret W. Rossiter prägte 1993 das weibliche Pendant: den Matilda-Effekt, benannt nach der Suffragette Matilda Joslyn Gage. Er beschreibt das systematische Unsichtbarmachen weiblicher Forschungsleistung.
Lise Meitner erklärte 1938 mit ihrem Neffen Otto Frisch im schwedischen Exil die theoretische Grundlage der Kernspaltung. Der Chemie-Nobelpreis 1944 ging ausschließlich an ihren langjährigen Forschungspartner Otto Hahn. Rosalind Franklin lieferte mit ihrer Röntgenstrukturanalyse, der berühmten „Photo 51″, den entscheidenden Beweis für die Doppelhelix-Struktur der DNA. Den Medizin-Nobelpreis 1962 erhielten James Watson, Francis Crick und Maurice Wilkins. Franklin war 1958 an Eierstockkrebs gestorben, vermutlich infolge ihrer Röntgenarbeit. Jocelyn Bell Burnell entdeckte 1967 als Doktorandin in Cambridge die Pulsare. Den Physik-Nobelpreis 1974 nahm ihr Doktorvater Antony Hewish entgegen. Vera Rubin lieferte ab den 1970er-Jahren mit ihren Rotationskurven von Galaxien den empirischen Nachweis für die Existenz Dunkler Materie und blieb bis zu ihrem Tod 2016 ohne Nobelpreis.
Jüngste Nobelpreisträgerin: Malala Yousafzai
Die jüngste Nobelpreisträgerin der Geschichte ist Malala Yousafzai. Die pakistanische Bildungsaktivistin, geboren am 12. Juli 1997 in Mingora im Swat-Tal, erhielt am 10. Oktober 2014 mit 17 Jahren den Friedensnobelpreis gemeinsam mit dem indischen Kinderrechtler Kailash Satyarthi. Zwei Jahre zuvor, am 9. Oktober 2012, hatte ein Talib ihr im Schulbus in den Kopf geschossen, weil sie öffentlich für das Recht von Mädchen auf Schulbildung eintrat. Sie überlebte, beendete später ihr Studium in Oxford und leitet bis heute den Malala Fund.
Nobelpreis Literatur: Frauen von Selma Lagerlöf bis Han Kang
Der Literaturnobelpreis ging seit 1901 an 18 Frauen. Den Anfang machte Selma Lagerlöf 1909, die als erste Frau überhaupt mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde und 1914 zudem als erste Frau in die Schwedische Akademie aufgenommen wurde, jenes Gremium, das den Preis vergibt. Ihre „Wunderbaren Reisen des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“ (1906/07) entstand ursprünglich als Schulbuch.
Weitere Stimmen aus dem 20. und 21. Jahrhundert: Gabriela Mistral (1945), die chilenische Lyrikerin und Pädagogin, die als erste lateinamerikanische Autorin den Literaturnobelpreis erhielt, für ihre Gedichtbände „Desolación“ (1922) und „Tala“ (1938). Nelly Sachs (1966), deren Lyrik die Shoah bezeugte und die im selben Jahr mit dem israelischen Autor Samuel Joseph Agnon ausgezeichnet wurde. Toni Morrison (1993), die als erste Schwarze Frau den Literaturnobelpreis erhielt, für Romane wie „Beloved“ (1987) über die Nachwirkungen der Sklaverei. Elfriede Jelinek (2004) für ihre sprachlich verdichteten Romane wie „Die Klavierspielerin“ (1983) und „Die Liebhaberinnen“ (1975). Doris Lessing (2007), die britische Schriftstellerin, deren „Goldenes Notizbuch“ (1962) als Schlüsseltext der Frauenbewegung gilt. Herta Müller (2009), deren Roman „Atemschaukel“ (2009) das Leben rumäniendeutscher Deportierter in sowjetischen Arbeitslagern erzählt. Swetlana Alexijewitsch (2015), die belarussische Journalistin, deren dokumentarische Polyphonien aus Stimmen der Sowjet- und Nachsowjetzeit, etwa „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ (1997), den Nobelpreis erstmals in den Bereich der oral history brachten. Olga Tokarczuk (2018, verliehen 2019), polnische Autorin von „Die Jakobsbücher“ (2014) und „Unrast“ (2007). Louise Glück (2020) für ihre lyrischen Zyklen wie „The Wild Iris“ (1992). Annie Ernaux (2022), französische Autorin der autosoziobiografischen Bücher „Die Jahre“ (2008) und „Die leeren Schränke“ (1974). Han Kang (2024), südkoreanische Schriftstellerin, deren Werke wie „Die Vegetarierin“ (2007) und „Menschenwerk“ (2014) historische Traumata und Gewalt verhandeln. Sie ist die erste südkoreanische Literaturnobelpreisträgerin und die 18. Frau insgesamt.
Nobelpreis Chemie und Medizin: die deutschen Stimmen
Im Bereich Chemie folgten auf Marie Curie und Irène Joliot-Curie nur wenige weitere Frauen. Dorothy Crowfoot Hodgkin erhielt 1964 den Chemie-Nobelpreis für ihre Röntgenstrukturanalysen, mit denen sie die Strukturen von Penicillin, Vitamin B12 und Insulin aufklärte. Ada Yonath wurde 2009 für die Aufklärung der Struktur und Funktion des Ribosoms ausgezeichnet, Frances Arnold 2018 für die gerichtete Evolution von Enzymen. 2020 ging der Chemie-Nobelpreis erstmals an ein reines Frauenduo: Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna für die Entwicklung der Genschere CRISPR/Cas9.
In der Medizin erhielt Christiane Nüsslein-Volhard 1995 als bislang einzige deutsche Wissenschaftlerin den Nobelpreis in dieser Kategorie, gemeinsam mit Eric Wieschaus und Edward B. Lewis, für die genetische Steuerung der frühen Embryonalentwicklung. Frühe Preisträgerinnen waren Gerty Cori (1947) für die Aufklärung des Glykogen-Stoffwechsels, später folgten unter anderem Barbara McClintock (1983) für die Entdeckung springender Gene, Rita Levi-Montalcini (1986) und die chinesische Pharmakologin Tu Youyou (2015) für die Entdeckung von Artemisinin gegen Malaria.
Friedensnobelpreis: Aktivistinnen aus Kenia, Liberia, dem Iran und Myanmar
Der Friedensnobelpreis ist die Kategorie mit dem höchsten Frauenanteil. Ausgezeichnet wurden unter anderem Bertha von Suttner (1905), Autorin von „Die Waffen nieder!“ und erste Frau mit dem Friedensnobelpreis, Aung San Suu Kyi aus Myanmar (1991) für ihren gewaltlosen Kampf für Demokratie und Menschenrechte, Wangari Maathai (2004) für die Gründung des Green Belt Movement in Kenia, das bis heute Millionen Bäume gepflanzt hat, Ellen Johnson Sirleaf und Leymah Gbowee (2011, gemeinsam mit Tawakkol Karman) für ihren gewaltfreien Einsatz für Frauenrechte in Liberia und im Jemen, Nadia Murad (2018) für ihre Anstrengungen gegen sexualisierte Kriegsgewalt nach ihrer eigenen Verschleppung durch den IS, Maria Ressa (2021), philippinisch-amerikanische Journalistin von Rappler, Narges Mohammadi (2023), iranische Menschenrechtsaktivistin, der die Auszeichnung im Evin-Gefängnis in Teheran überreicht werden musste, sowie María Corina Machado (2025), venezolanische Oppositionspolitikerin, die seit über einem Jahr im Verborgenen lebt.
Wirtschaftswissenschaften: drei Frauen seit 1969
Der Wirtschaftspreis wird erst seit 1969 verliehen und ging bislang an drei Frauen. Elinor Ostrom erhielt ihn 2009 als erste Frau für ihre Analyse der Wirtschaftsführung von Allmendegütern, insbesondere für den Nachweis, dass Gemeinschaften natürliche Ressourcen oft erfolgreicher selbstverwalten als Staat oder Markt. Esther Duflo wurde 2019 für ihren experimentellen Ansatz zur Bekämpfung globaler Armut ausgezeichnet, gemeinsam mit Abhijit Banerjee und Michael Kremer. Claudia Goldin erhielt den Preis 2023 für ihre wirtschaftshistorische Forschung über die Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen und die Ursachen des Gender Pay Gap.
Warum haben so wenige Frauen Nobelpreise erhalten?
Mehrere Faktoren wirken zusammen. Das Nominierungsverfahren ist intransparent. Vorschläge dürfen nur ein begrenzter Kreis nominierungsberechtigter Personen einreichen, vor allem frühere Preisträgerinnen, Akademiemitglieder und ausgewählte Professorinnen, ein Kreis, der historisch und teils bis heute männlich dominiert ist. Frauen wurden über lange Zeit von Universitäten, Akademien und Laboren ausgeschlossen oder mit Beschränkungen versehen, was die Zahl möglicher Kandidatinnen drastisch verkleinerte. Hinzu kommt der Matilda-Effekt: Wenn Forscherinnen in Teams arbeiten, fließt ihr Beitrag oft in den Ruhm männlicher Kollegen ein. Die Akademien selbst öffneten sich erst spät, die Schwedische Akademie nahm 1914 mit Selma Lagerlöf die erste Frau auf, die Royal Society in London erst 1945. Schließlich begünstigt das Verfahren etablierte Forschungsfelder und einzelne „Heldenfiguren“ gegenüber kollektiven oder interdisziplinären Leistungen, in denen Frauen häufiger sichtbar sind.
Bildquellen:
- Nobelpreis-Münze — Foto:
Anastasiya D. via Unsplash.
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