Berühmte Musikerinnen

Die frühen Pionierinnen: Komponistinnen vom Mittelalter bis zum Barock
Bereits in der Antike traten Frauen als Musikerinnen hervor. Die griechische Dichterin Sappho verband Lyrik und Gesang zu einer eigenen Kunstform. Sie gilt als eine der ersten namentlich bekannten Musikerinnen überhaupt.
Im Mittelalter war es vor allem die Benediktinerin Hildegard von Bingen, die als Komponistin Maßstäbe setzte. Ihr Werk umfasst rund 70 liturgische Gesänge. Damit zählt sie zu den frühesten bekannten Komponistinnen Europas. Ihre Musik wird bis heute aufgeführt und neu eingespielt.
Im 16. Jahrhundert brach Maddalena Casulana ein weiteres Tabu. Sie war die erste Komponistin, deren Werke gedruckt erschienen. Im Vorwort schrieb sie selbstbewusst, sie wolle der Welt den eitlen Irrtum der Männer zeigen, dass nur sie hohe Geistesgaben besäßen. Wenige Jahrzehnte später trat Francesca Caccini hervor. Ihre 1625 uraufgeführte Oper „La liberazione di Ruggiero“ gilt als eine der ersten Opern einer Komponistin überhaupt. Sie war außerdem die bestbezahlte Musikerin am Hof der Medici.
In Venedig veröffentlichte Barbara Strozzi im 17. Jahrhundert mehr Vokalwerke unter ihrem eigenen Namen als die meisten ihrer männlichen Zeitgenossen. Sie tat dies ohne kirchliche oder höfische Anstellung. Damit war sie eine der ersten freischaffenden Komponistinnen Europas.
Berühmte Komponistinnen der Klassik und Romantik
Im 18. Jahrhundert wuchs Maria Anna Mozart, genannt Nannerl, gemeinsam mit ihrem berühmten Bruder Wolfgang Amadeus auf. Beide galten als Wunderkinder. Doch während Wolfgang weiterreiste und komponierte, durfte Nannerl als heiratsfähige junge Frau nicht mehr auftreten. Ihre Kompositionen sind bis heute größtenteils verschollen.
Die blinde Pianistin und Komponistin Maria Theresia von Paradis dagegen behauptete sich in ganz Europa. Mozart widmete ihr sein Klavierkonzert KV 456. Sie gründete in Wien eine eigene Musikschule für Frauen.
Das 19. Jahrhundert brachte mehrere bahnbrechende Komponistinnen hervor. Fanny Hensel, geborene Mendelssohn, schuf über 460 Werke. Viele davon erschienen zunächst unter dem Namen ihres Bruders Felix. Erst spät durfte sie unter eigenem Namen veröffentlichen. Clara Schumann war zugleich gefeierte Konzertpianistin, Komponistin und Pädagogin. Sie prägte das europäische Konzertleben über sechs Jahrzehnte.
In Frankreich kämpfte Louise Farrenc gleich an mehreren Fronten. Sie wurde 1842 erste weibliche Professorin am Pariser Conservatoire. Erst nach jahrelangem Streit erhielt sie das gleiche Gehalt wie ihre männlichen Kollegen. Emilie Mayer wiederum schuf in Berlin acht Sinfonien. Zeitgenossen nannten sie deshalb den weiblichen Beethoven. Nach ihrem Tod geriet sie fast vollständig in Vergessenheit. Erst seit den 2010er Jahren wird ihr Werk wiederentdeckt.
Auch Pauline Viardot verdient einen festen Platz. Die Mezzosopranistin und Komponistin sang in mehreren Sprachen, sprach fünf fließend und unterhielt einen literarischen Salon, in dem sich Iwan Turgenew, Frédéric Chopin und Hector Berlioz trafen.
Stimmen, die die Oper prägten: Sopranistinnen und Opernsängerinnen
Die Oper wäre ohne ihre Sopranistinnen und Opernsängerinnen kaum vorstellbar. Schon im 19. Jahrhundert verzauberte die schwedische Sopranistin Jenny Lind Europa und Amerika. P. T. Barnum vermarktete ihre US-Tournee 1850 als eines der ersten globalen Musikspektakel.
Im 20. Jahrhundert öffnete die Altistin Marian Anderson eine entscheidende Tür. 1955 wurde sie die erste afroamerikanische Solistin an der Metropolitan Opera in New York. Ihr legendäres Konzert vor dem Lincoln Memorial 1939 hatte zuvor 75.000 Menschen erreicht. Es war eine direkte Antwort auf die rassistische Verweigerung eines Auftrittsorts.
Wenige Jahrzehnte später trat Leontyne Price als erste Schwarze Primadonna in die erste Reihe. Sie eröffnete 1966 das neue Haus der Metropolitan Opera am Lincoln Center. Auch Jessye Norman und Kathleen Battle zählen zu den prägenden Stimmen ihrer Generation. Im deutschsprachigen Raum bestimmten Elisabeth Schwarzkopf und Christa Ludwig über Jahrzehnte das Liedrepertoire.
Die Mütter von Jazz und Blues
Der Blues ohne Frauen? Undenkbar. Ma Rainey gilt als „Mother of the Blues“. Sie nahm bereits 1923 ihre ersten Platten auf. Ihre Schülerin Bessie Smith wurde als „Empress of the Blues“ bekannt. Sie war zeitweise die bestbezahlte Schwarze Künstlerin der Vereinigten Staaten.
Eine Frau verdient besondere Beachtung: Sister Rosetta Tharpe. Mit ihrer verzerrten elektrischen Gitarre und ihrem Gospel-Blues-Mix prägte sie in den 1940er Jahren einen Sound, den später Elvis Presley, Chuck Berry und Johnny Cash übernahmen. Sie gilt heute zu Recht als Godmother of Rock and Roll. Ohne sie sähe die Rockmusik anders aus.
Im Jazz veränderte Mary Lou Williams über sechs Jahrzehnte das, was möglich schien. Sie schrieb für Duke Ellington und Benny Goodman, prägte den Bebop mit und mentorierte Thelonious Monk und Dizzy Gillespie. Ella Fitzgerald wurde als „First Lady of Song“ zur stilbildenden Stimme des Great American Songbook. Ihre 13 Grammys waren eine Premiere für eine Schwarze Künstlerin. Billie Holiday wiederum verlieh dem Protest gegen Rassismus mit „Strange Fruit“ 1939 eine musikalische Form, die bis heute erschüttert.
Eine Generation später wurde Aretha Franklin zur Queen of Soul. Sie war die erste Frau, die in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurde. Nina Simone verband klassische Klavierausbildung mit Soul, Jazz und politischem Protest. Ihre Stimme begleitete die Bürgerrechtsbewegung. Mahalia Jackson brachte Gospel in die großen Konzertsäle und sang 1963 vor Martin Luther Kings „I Have a Dream“-Rede.
Frauen im Rock und die Riot-Grrrl-Revolution
Lange galt Rock als reine Männersache. Doch Janis Joplin zeigte schon Ende der 1960er, wie kraftvoll eine weibliche Rockstimme klingen kann. Sie wurde zur ersten weiblichen Rocksuperstar.
In den 1970er Jahren öffnete Patti Smith mit ihrem Album „Horses“ die Tür zwischen Punk, Lyrik und Rock. Joan Jett gründete als erste Frau ein eigenes Plattenlabel, nachdem sich kein Major für ihre Musik interessierte. Ihre Hymne „Bad Reputation“ wurde zum feministischen Manifest.
In den 1990ern entstand mit der Riot-Grrrl-Bewegung ein eigener Aufbruch. Kathleen Hanna war ihre prominenteste Stimme. Bands wie Bikini Kill schrieben Texte gegen sexuelle Gewalt, Bodyshaming und Sexismus in der Punk-Szene. Kim Gordon prägte mit Sonic Youth den Klang einer ganzen Generation Indierock. Tina Weymouth wiederum spielte als Bassistin der Talking Heads eine zentrale Rolle in der New-Wave-Bewegung.
Rapperinnen und Pionierinnen des HipHop
Im HipHop standen Frauen von Anfang an dabei, blieben aber lange unsichtbar. MC Lyte veröffentlichte 1988 als erste Solo-Rapperin ein komplettes Album. Queen Latifah machte mit „Ladies First“ Feminismus zum Rap-Thema. Sie gewann als eine der ersten Rapperinnen einen Grammy.
Lauryn Hill schrieb mit „The Miseducation of Lauryn Hill“ 1998 das erste Hip-Hop-Album, das den Grammy als Album des Jahres gewann. Missy Elliott veränderte den Sound des Rap und produzierte ihre Tracks von Anfang an selbst. 2019 wurde sie als erste Rapperin in die Songwriters Hall of Fame aufgenommen.
Frauen am Pult: Dirigentinnen, die Türen öffneten
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war das Pult ausschließlich Männern vorbehalten. Antonia Brico dirigierte 1930 als erste Frau die Berliner Philharmoniker. Trotzdem fand sie in den USA jahrzehntelang keine feste Anstellung als Chefdirigentin.
Erst Generationen später öffnete sich das Feld. Marin Alsop wurde 2007 erste Chefdirigentin eines großen amerikanischen Orchesters. 2013 dirigierte sie als erste Frau die Last Night of the Proms in London. Simone Young stand 2005 als erste Frau am Pult der Wiener Philharmoniker. Oksana Lyniv dirigierte 2021 als erste Frau bei den Bayreuther Festspielen. Auch Joana Mallwitz und Mirga Grazinyte-Tyla stehen heute an der Spitze ihrer Generation.
Filmkomponistinnen: Die Eroberung Hollywoods
Filmmusik galt jahrzehntelang als Männerbranche. Erst 1997 änderte sich das. Rachel Portman gewann als erste Frau einen Oscar für die beste Filmmusik. Ihr Score zu „Emma“ durchbrach eine 70-jährige Mauer. Im Jahr darauf gewann Anne Dudley den Oscar für „The Full Monty“. Danach passierte 23 Jahre lang nichts.
Erst 2020 stand wieder eine Frau auf der Bühne. Hildur Gudnadottir gewann den Oscar für ihre Musik zu „Joker“. In ihrer Dankesrede sagte sie an alle Frauen gerichtet, sie sollten ihre Stimmen erheben. Eine besondere Pionierin verdient hier Erwähnung: Wendy Carlos. Sie revolutionierte mit „Switched-On Bach“ und ihren Soundtracks zu Stanley Kubrick die elektronische Filmmusik bereits Anfang der 1970er.
Pianistinnen, Geigerinnen und Cellistinnen mit Weltrang
Ohne große Instrumentalistinnen wäre die klassische Musik ärmer. Die argentinische Pianistin Martha Argerich gilt seit über 60 Jahren als eine der bedeutendsten Klaviervirtuosinnen weltweit. Auch Mitsuko Uchida und Yuja Wang prägen das internationale Konzertleben.
Bei den Geigerinnen setzte Anne-Sophie Mutter Maßstäbe. Sie debütierte mit 13 unter Herbert von Karajan und hat seither hunderte Konzerte mit den führenden Orchestern gespielt. Hilary Hahn, Patricia Kopatchinskaja und Julia Fischer stehen heute an der Spitze ihrer Generation.
Im Bereich Violoncello veränderte Jacqueline du Pré in den 1960er Jahren die Vorstellung davon, wie ein Cello klingen kann. Trotz ihrer früh ausgebrochenen Multiplen Sklerose hinterließ sie Aufnahmen, die bis heute Maßstab sind.
Elektronische Musik und Avantgarde
In der elektronischen Musik haben Frauen das Feld mitgestaltet, lange bevor es ein Massenphänomen wurde. Clara Rockmore machte das Theremin in den 1930er Jahren konzertfähig. Daphne Oram gründete 1958 den BBC Radiophonic Workshop und entwickelte ein eigenes elektronisches Notationssystem. Ihre Kollegin Delia Derbyshire komponierte 1963 das ikonische Theme für die Serie „Doctor Who“.
Pauline Oliveros entwickelte das Konzept des Deep Listening. Suzanne Ciani und Laurie Spiegel gehören zu den Pionierinnen der Synthesizer-Musik. Laurie Anderson verband Performance, Sprache und Elektronik zu einer eigenen Kunstform. Heute setzen Künstlerinnen wie Holly Herndon und Björk diese Tradition fort.
Stimmen aus aller Welt: Musik als politische Kraft
Musik war oft mehr als Unterhaltung. Sie war Widerstand. Miriam Makeba aus Südafrika nutzte ihre Stimme gegen die Apartheid. Sie sprach 1963 vor den Vereinten Nationen und musste 30 Jahre im Exil leben. Mercedes Sosa aus Argentinien wurde zur Stimme der lateinamerikanischen Demokratiebewegung. Ihre Konzerte fanden auch unter Militärdiktatur statt.
Die chilenische Folkloristin Violeta Parra gilt als Begründerin der Nueva Canción. Ihr Lied „Gracias a la vida“ wurde von Joan Baez und Mercedes Sosa weitergetragen. In Ägypten erreichte Umm Kulthum über Jahrzehnte hinweg Millionen Hörerinnen und Hörer. Ihre Konzerte waren in der gesamten arabischen Welt Staatsereignisse. Aus Indien wiederum prägte Lata Mangeshkar mit über 25.000 Aufnahmen den Sound des Hindi-Films über sieben Jahrzehnte.
Pop, Schlager und deutsche Sängerinnen
Auch im Pop und Chanson haben Frauen bleibende Spuren hinterlassen. Edith Piaf wurde mit ihrer rauen Stimme zur Ikone des französischen Chansons. Joni Mitchell revolutionierte das Songwriting mit Alben wie „Blue“ 1971. Carole King schrieb mit „Tapestry“ eines der meistverkauften Alben aller Zeiten und gewann als erste Frau den Grammy für Album des Jahres als Solokünstlerin.
Kate Bush war 1978 mit „Wuthering Heights“ die erste Frau, die mit einem selbst geschriebenen Song die britischen Charts anführte. Björk erfand sich seit den 1990er Jahren immer wieder neu und holte avantgardistische Sounds in den Pop.
Im deutschsprachigen Raum prägten Frauen den Schlager und das Chanson über mehrere Generationen. Lale Andersen machte mit „Lili Marleen“ einen der bekanntesten Songs des 20. Jahrhunderts populär. Hildegard Knef verband Schauspiel und Gesang zu einer eigenen Kunstform. Nina Hagen wurde in den 1980ern zur „Godmother of Punk“ der deutschen Musikszene. Tamara Danz war als Frontfrau der Band Silly eine zentrale Stimme der DDR-Rockmusik. Auch Bettina Wegner, Ina Deter und Ulla Meinecke haben das Liedermacherinnen-Genre nachhaltig geprägt.
Warum diese Musikerinnen heute neu gehört werden
Die hier porträtierten Musikerinnen verbindet ein Muster. Sie haben oft als Erste eine Tür geöffnet. Sie wurden zu Lebzeiten gefeiert und nach ihrem Tod vergessen. Ihre Wiederentdeckung ist Aufgabe der Gegenwart.
Forschungseinrichtungen wie das Sophie Drinker Institut in Bremen und das Digitale Deutsche Frauenarchiv arbeiten daran, vergessene Komponistinnen und Musikerinnen wieder hörbar zu machen. Festivals und Konzertreihen widmen sich speziell den Werken von Frauen. Wir möchten mit dieser Sammlung unseren Beitrag dazu leisten.
Auf den folgenden Unterseiten findest du ausführliche Porträts dieser Musikerinnen. Du erfährst, wie sie aufgewachsen sind, gegen welche Widerstände sie kämpften und welches Werk sie hinterließen. Lies dich durch ihre Geschichten. Sie verdienen es, gehört zu werden.
Bildquellen:

- Braune und schwarze Akustikgitarre — Foto:
Lukasz Rawa via Unsplash.
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