Frauen in der Medizin & Heilkunde

Frauen in der Medizin mussten gegen systematische Ausschlüsse arbeiten: Deutsche Universitäten verweigerten ihnen bis 1900 die Immatrikulation, und selbst danach blieben Klinikleitungen und Lehrstühle fast ausschließlich Männern vorbehalten. HER LEGACY MATTERS stellt Frauen vor, deren Arbeit die Medizingeschichte trotz aller Hürden verändert hat.
  • Rosalind Franklin

    DNA-Pionierin, deren Daten die Doppelhelix enthüllten

  • Virginia Apgar - Pionierin der Neonatologie & Erfinderin des Apgar-Tests

    Virginia Apgar

    Neonatologin & Erfinderin des Apgar-Tests

  • Porträt von Nelly Bly - investigativer Journalistin und Weltumrunderin in 72 Tagen

    Nellie Bly

    Investigative Journalistin & Weltumrunderin

Berühmte Ärztinnen der Geschichte: Von der Heilkunde zur Wissenschaft

Hildegard von Bingen verfasste im 12. Jahrhundert mit Causae et Curae und Physica zwei naturheilkundliche Werke, in denen sie rund 500 Pflanzen, Steine und Tiere systematisch nach ihrem therapeutischen Nutzen klassifizierte, Jahrhunderte bevor Frauen an Universitäten zugelassen wurden. Dorothea Christiane Erxleben promovierte 1754 an der Universität Halle mit einer Arbeit über vorschnelle Heilmethoden und wurde damit die erste promovierte Ärztin Deutschlands, nachdem sie eine Sondergenehmigung von Friedrich dem Großen erwirkt hatte. Trotzdem dauerte es noch fast 150 Jahre, bis Frauen im Deutschen Reich 1899 regulär zu den medizinischen Staatsprüfungen zugelassen wurden.

Elizabeth Blackwell erhielt 1849 am Geneva Medical College in New York als erste Frau weltweit einen regulären Abschluss in Medizin, obwohl zwölf Colleges sie zuvor abgelehnt hatten, und gründete 1857 das New York Infirmary for Indigent Women and Children, ein Krankenhaus mit ausschließlich weiblichem Personal. Florence Nightingale wertete während des Krimkriegs 1854 die Sterblichkeitsraten in britischen Lazaretten statistisch aus, senkte die Todesrate durch Hygienestandards von 42 auf 2 Prozent und legte mit ihrer Pflegeschule am St Thomas‘ Hospital in London ab 1860 die Grundlage für die professionelle Krankenpflege.

Medizinische Forschung: Berühmte Frauen in der Medizin und ihre Entdeckungen

In der medizinischen Forschung leisteten Frauen zentrale Beiträge, die oft erst Jahrzehnte später angemessen gewürdigt wurden. Rosalind Franklin erstellte 1952 am King’s College London die Röntgenbeugungsaufnahme „Photo 51″, die den helikalen Aufbau der DNA bewies, doch Watson und Crick verwendeten ihre Daten ohne ihr Wissen für ihr Strukturmodell. Gerty Cori entschlüsselte gemeinsam mit ihrem Mann Carl den enzymatischen Mechanismus des Glykogenstoffwechsels und erhielt dafür 1947 als erste Frau den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

Barbara McClintock entdeckte in den 1940er-Jahren an Maispflanzen die springenden Gene (Transposons) und wurde dafür erst 1983, über 30 Jahre nach ihrer Forschung, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Dorothy Hodgkin klärte mithilfe der Röntgenkristallographie die dreidimensionale Struktur von Penicillin (1945) und Vitamin B12 (1956) auf und erhielt 1964 den Nobelpreis für Chemie. Christiane Nüsslein-Volhard identifizierte am Max-Planck-Institut in Tübingen die Gene, die die Körperachsen-Bildung bei Embryonen steuern, und bekam dafür 1995 den Nobelpreis für Medizin.

Chirurginnen, Kardiologinnen und Onkologinnen: Frauen in der klinischen Medizin

Auch in der klinischen Medizin erkämpften sich Ärztinnen Positionen, die ihnen lange verwehrt blieben. Helen Brooke Taussig entwickelte als Kardiologin am Johns Hopkins Hospital das Konzept für die operative Korrektur des sogenannten Blue-Baby-Syndroms, das 1944 erstmals erfolgreich durchgeführt wurde und den Weg für die Herzchirurgie ebnete. Dabei kompensierte sie ihre zunehmende Taubheit, indem sie die Herzrhythmen ihrer kleinen Patienten mit den Fingern statt mit dem Stethoskop ertastete. 1965 wurde sie die erste Präsidentin der American Heart Association.

Virginia Apgar entwickelte 1952 den Apgar-Score, ein Punktesystem, das Herzfrequenz, Atmung, Reflexe, Muskeltonus und Hautfarbe von Neugeborenen in der ersten Lebensminute bewertet und bis heute weltweit standardmäßig eingesetzt wird. Jane Cooke Wright testete ab 1949 am Harlem Hospital Krebsmedikamente direkt an menschlichen Tumorzellkulturen statt nur an Mäusen, wies die Wirksamkeit von Methotrexat bei soliden Tumoren nach und gründete 1964 als einzige Frau die American Society of Clinical Oncology mit.

Pharmakologinnen und Biochemikerinnen: Medikamente, die Millionen retteten

Zu den berühmten Frauen in der Medizin gehören auch Pharmakologinnen, deren Wirkstoffe bis heute im Einsatz sind. Gertrude Belle Elion entwickelte ohne formalen Doktortitel bei Burroughs Wellcome Medikamente gegen Leukämie (6-Mercaptopurin, 1951), Gicht, Herpes und Abstoßungsreaktionen nach Organtransplantationen und erhielt 1988 den Nobelpreis für Medizin. Tu Youyou isolierte 1972 aus dem einjährigen Beifuß den Wirkstoff Artemisinin, nachdem sie über 2.000 traditionelle chinesische Rezepte systematisch durchsucht hatte, und erhielt dafür 2015 den Nobelpreis, der erste an eine chinesische Wissenschaftlerin in der Kategorie Medizin.

Françoise Barré-Sinoussi isolierte 1983 am Pariser Institut Pasteur das HI-Virus aus dem Lymphknoten eines Patienten und legte damit die Grundlage für die AIDS-Diagnostik, wofür sie 2008 den Nobelpreis erhielt. Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier veröffentlichten 2012 die CRISPR/Cas9-Methode zur gezielten Genom-Editierung, die seither klinische Studien zu Sichelzellanämie, Krebs und genetischen Erkrankungen ermöglicht, und teilten sich 2020 den Nobelpreis für Chemie.

Frauen in der Pflege und im öffentlichen Gesundheitswesen

Berühmte Krankenschwestern und Ärztinnen im öffentlichen Gesundheitswesen veränderten die Versorgung ganzer Bevölkerungen. Nellie Bly ließ sich 1887 unter falschem Namen in die psychiatrische Anstalt auf Blackwell’s Island in New York einweisen, dokumentierte Misshandlungen, verdreckte Räume und erzwungene Kaltwasserbäder und erzwang mit ihren Berichten eine Erhöhung des Pflegebudgets um eine Million Dollar. Clara Barton organisierte während des Amerikanischen Bürgerkriegs ab 1861 eigenständig Sanitätsversorgung an der Front und gründete 1881 das Amerikanische Rote Kreuz. Sara Josephine Baker leitete ab 1908 als erste Frau in einer Führungsposition eines US-Gesundheitsamts das Bureau of Child Hygiene in New York, richtete Milchstationen und Hygieneschulungen in Armenvierteln ein und senkte die Säuglingssterblichkeit von 144 auf 66 pro 1.000 Lebendgeburten bis 1923.

Henrietta Lacks wusste nichts davon, dass Ärzte des Johns Hopkins Hospital 1951 Zellen aus ihrem Zervixkarzinom ohne ihre Zustimmung entnahmen. Diese HeLa-Zellen waren die ersten menschlichen Zellen, die sich in Kultur unbegrenzt vermehrten, und wurden Grundlage für die Entwicklung des Polio-Impfstoffs, Krebsforschung und tausende biomedizinische Studien. Erst 2013 erhielt ihre Familie Mitspracherecht über die Verwendung des HeLa-Genoms.

Neurowissenschaftlerinnen und Genetikerinnen

Rita Levi-Montalcini entdeckte in den 1950er-Jahren den Nervenwachstumsfaktor (NGF), ein Protein, das das Wachstum von Nervenzellen steuert, und erhielt dafür 1986 den Nobelpreis. Ihre Forschung begann sie während des Zweiten Weltkriegs in einem improvisierten Labor in ihrem Schlafzimmer in Turin, nachdem sie als Jüdin von der Universität ausgeschlossen worden war. May-Britt Moser wies 2005 gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann an der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens in Trondheim die Existenz von Rasterzellen im Gehirn nach, die räumliche Orientierung ermöglichen, und teilte sich 2014 den Nobelpreis für Medizin. Linda Buck entschlüsselte 1991 die Genfamilie der Geruchsrezeptoren und den Signalweg, über den das Gehirn rund 10.000 verschiedene Düfte unterscheidet, wofür sie 2004 den Nobelpreis erhielt.

Mary-Claire King bewies 1990, dass eine einzelne Genmutation auf Chromosom 17 das Brustkrebsrisiko drastisch erhöht, und ebnete damit den Weg zur Entdeckung des BRCA1-Gens. Marie Maynard Daly war 1947 die erste afroamerikanische Frau mit einem Doktortitel in Chemie und erforschte an der Columbia University den Zusammenhang zwischen Cholesterin, Bluthochdruck und verstopften Arterien.

Medizinerinnen heute: Fortschritte und bestehende Ungleichheit

In Deutschland stellen Frauen mittlerweile rund zwei Drittel der Studienanfänger in der Humanmedizin und etwa die Hälfte aller berufstätigen Ärztinnen und Ärzte. Dennoch besetzen sie nur einen Bruchteil der Führungspositionen: In chirurgischen Fächern liegt der Frauenanteil bei etwa 22 Prozent, und Chefärztinnen sind in deutschen Krankenhäusern nach wie vor die Ausnahme. Medizinische Forschung war jahrzehntelang auf den männlichen Körper ausgerichtet, was zu fehlerhaften Diagnosen und riskanten Medikamentendosierungen bei Frauen führte. Erst seit den 1990er-Jahren fordern Medizinerinnen und Forscherinnen systematisch geschlechtergerechte Medizin.

Die Geschichte der Frauen in der Medizin ist eine Geschichte gegen institutionelle Widerstände. Die hier vorgestellten Ärztinnen, Forscherinnen und Krankenschwestern haben trotz Ausschluss von Universitäten, fehlender Förderung und systematischer Abwertung ihrer Arbeit Diagnostik, Therapie und Pflege verändert. Medizinischer Fortschritt ohne diese Frauen wäre unvollständig.

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