Mary Anning

Die Fossiliensammlerin, die der Paläontologie das Rückgrat baute

* 21. Mai 1799 Lyme Regis, Dorset, Vereinigtes Königreich

† 09. März 1847 Lyme Regis, Dorset, Vereinigtes Königreich

Mary Anning in viktorianischer Kleidung als Pionierin der Fossilienforschung & Paläontologie

Wer ist Mary Anning?

Mary Anning (1799–1847) war eine britische Fossiliensammlerin aus Lyme Regis an der Jurassic Coast in Dorset. Zwischen 1811 und 1830 barg sie aus dem Blue Lias drei der frühesten wissenschaftlich beschriebenen Großreptilien-Skelette: einen Ichthyosaurus, den ersten vollständigen Plesiosaurus und mit dem Dimorphodon den ersten Flugsaurierfund außerhalb Deutschlands.12 Sie präparierte, zeichnete und klassifizierte ihre Funde selbst, sezierte Fische und Tintenfische zu anatomischen Studien und erkannte, dass die sogenannten „Bezoarsteine“ in Ichthyosaurus-Skeletten fossile Exkremente waren – später von William Buckland als Koprolithen bezeichnet.13 Ohne formale Ausbildung und ausgeschlossen von der Geological Society of London4 wurden ihre Entdeckungen von Zeitgenossen beschrieben, während ihr Name in frühen Publikationen häufig fehlte.2 Ihre Arbeit veränderte das Verständnis prähistorischen Lebens – lange bevor ihr dafür Anerkennung zuteilwurde.

Kindheit in Lyme Regis: Armut, Dissenter und früher Fossilienunterricht

Mary Anning kam am 21. Mai 1799 als Tochter des Tischlers Richard Anning und seiner Frau Molly in Lyme Regis zur Welt, einem Küstenstädtchen in Dorset mit damals rund 1.500 Einwohnern. Von mindestens neun Geschwistern erreichten nur sie und ihr drei Jahre älterer Bruder Joseph das Erwachsenenalter – eine Kindersterblichkeit, die für das frühe 19. Jahrhundert nicht ungewöhnlich war, aber in der Familie durch Pocken, Masern und einen Hausbrand besonders drastisch ausfiel: Namensgeberin Mary war eine ältere Schwester, die Weihnachten 1798 in den Flammen gestorben war.2

Die Annings gehörten zu den Dissentern, genauer zu den Kongregationalisten, die sich von der anglikanischen Staatskirche abgespalten hatten.5 Das war in England zu dieser Zeit eine ökonomisch relevante Zuordnung: Dissenter durften keine Universitäten besuchen, waren von vielen Berufen ausgeschlossen, mussten trotzdem Kirchensteuer an die Church of England zahlen und konnten Eheschließungen und Geburten nicht in ihrer eigenen Gemeinde eintragen.5 Ihre eigene Sonntagsschule jedoch lehrte – anders als die anglikanische – auch Mädchen Lesen und Schreiben. Genau das war Mary Annings einzige formale Bildung.14

Ihr prägendes Buch war ein gebundener Jahrgang des Dissenters‘ Theological Magazine, den Joseph ihr überließ. Darin fanden sich zwei Aufsätze ihres Pastors James Wheaton: Der eine bestand darauf, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen habe – der andere forderte Dissenter auf, die neue Wissenschaft der Geologie zu studieren.5 Beides gleichzeitig, kein Widerspruch. Mary las ihre Bibel, ihre Fossilien und später geborgte Fachliteratur nebeneinander, ohne dass das eine das andere entwertete.

Vom Blitz getroffen: die Geschichte, die sie angeblich verwandelte

Richard Anning nahm seine Kinder früh mit an die Blue-Lias-Klippen zwischen Lyme Regis und Charmouth, zeigte Mary, wie man Ammoniten und Belemniten (damals „Ammon’s horns“ und „devil’s fingers“) aus dem Gestein löst, säubert und an die Badetouristen verkauft, die während der napoleonischen Kriege statt auf den Kontinent an die englische Südküste strömten.1 1810 stürzte Richard bei einem nächtlichen Gang über die Klippen, zog sich schwere Verletzungen zu und starb wenig später an Tuberkulose. Er hinterließ seiner Witwe 120 Pfund Schulden und eine Familie, die bis mindestens 1816 von der Gemeindearmenfürsorge lebte.2

Mary war elf, Joseph 14. Er nahm eine Lehre als Polsterer an.1 Sie suchte weiter am Strand – und wurde schnell gut darin. Die eigentliche operative Leitung des Fossilienshops übernahm in den ersten Jahren ihre Mutter Molly, die dem Historiker Hugh Torrens zufolge lange unterschätzt wurde.2 Mary selbst trat erst Anfang der 1820er Jahre als eigenständige Verkäuferin in Erscheinung; ihre erste belegte Signatur auf einer Quittung datiert auf Oktober 1820 – eine Quittung an den Cambridger Geologen Adam Sedgwick.2

Der Tod des Vaters und der Hammer in der Hand eines Elfjährigen

Mit 15 Monaten entging Mary Anning knapp einem Blitzschlag, der drei andere Menschen tötete.2 Am 19. August 1800 stand die Nachbarin Elizabeth Haskings mit Mary auf dem Arm und zwei Mädchen, Fanny Fowler und Martha Drower, unter einer Ulme am Rack Field und beobachtete eine Reitervorführung. Ein Sommergewitter zog auf, der Blitz schlug in den Baum ein – die drei anderen starben auf der Stelle, Mary überlebte und wurde zu Hause in einem Bad aus warmem Wasser wiederbelebt.2 Der örtliche Arzt erklärte ihr Überleben für ein Wunder. Die Familie sagte, das vorher kränkliche Kind sei nach dem Vorfall „lebhaft und intelligent“ geworden.2 Der Dichter John Kenyon machte später ein halb spöttisches Gedicht daraus („Thee Mary! first ‚twas lightning struck…“).2 Ob die Intelligenz wirklich durch den Blitz kam, wissen wir nicht. Die Geschichte hält sich, weil sie zu gut ist, um sie nicht zu erzählen – und weil sie die spätere Ikone Mary Anning schon im Kleinkindalter mit dem Mythos des Ungewöhnlichen umgibt.

Der erste Ichthyosaurus: Joseph fand den Schädel, Mary den Rest

Der Fund, der die Familie in die wissenschaftlichen Netzwerke Londons katapultierte, war ein Gemeinschaftswerk. Im Winter 1810/1811 entdeckte Joseph am Black Ven einen etwa meterlangen, krokodilartigen Schädel in einer Felsplatte.3 Wie der Rest des Tiers aussah, blieb zunächst unklar: Stürme und Tiden mussten erst weitere Schichten freilegen. Etwa ein Jahr später, Ende 1811 oder Anfang 1812, fand Mary den Körper.2 Das daraus ausgegrabene Skelett war rund 5,2 Meter lang und wurde vom Fossilienhändler Henry Hoste Henley für 23 Pfund gekauft. 1819 ging es an Charles König vom British Museum, der den Gattungsnamen „Ichthyosaurus“ („Fischechse“) vorschlug.1

Es war nicht der allererste Ichthyosaurus überhaupt – Fragmente waren bereits 1699 in Wales beschrieben worden, weitere 1804/05 bei Bath, und deutsche Funde aus dem 18. Jahrhundert existierten ebenfalls –, wohl aber das erste nahezu vollständige Skelett, das in wissenschaftlichen Kreisen Londons zirkulierte.2 Everard Home veröffentlichte zwischen 1814 und 1819 mehrere Aufsätze in den Philosophical Transactions of the Royal Society dazu. Die Zeichnung von William Clift, die das Tier in ganzer Länge zeigt, wurde zum Ikon des frühen Saurier-Bildes – der Finderinnenname Mary Anning erscheint in Homes Texten nicht.2 Eine Tradition war gestiftet.

Als Thomas Birch, ein wohlhabender Fossilienliebhaber und Offizier der Life Guards, 1820 erfuhr, dass die Annings kurz davor standen, ihre Möbel für die Miete zu verkaufen, organisierte er im Mai 1820 eine Auktion seiner eigenen Sammlung bei Bullock’s in Piccadilly. Der Erlös von rund 400 Pfund ging vollständig an die Familie – eine der wenigen Gesten offener Unterstützung, die Mary Anning in den ersten Jahren erfuhr.2

Nahezu vollständiges Skelett eines Ichthyosaurus, 1818 von Mary Anning entdeckt, gestochen von James Basire II nach einer Zeichnung von William Clift.

Nahezu vollständiges Skelett eines Ichthyosaurus, 1818 von Mary Anning entdeckt, gestochen von James Basire II nach einer Zeichnung von William Clift; veröffentlicht zusammen mit zwei Aufsätzen von Everard Home in den Philosophical Transactions of the Royal Society of London, Band 109, 1819 (Linda Hall Library).

Der Plesiosaurus von 1823: Streit mit Cuvier und der Fund, der alles änderte

Am 10. Dezember 1823 grub Mary Anning – inzwischen 24 Jahre alt – an derselben Küste das erste vollständige Skelett eines Plesiosaurus aus.67 Der Plesiosaurus dolichodeirus war so bizarr, dass er zunächst niemandem glaubhaft vorkam: ein tonnenförmiger Körper, vier paddelförmige Gliedmaßen, ein winziger Kopf an einem extrem langen Hals mit mehr als dreißig Wirbeln. Mary schrieb eigenhändig Briefe an Henry Bunbury und William Buckland, fertigte detaillierte Skizzen an und beschrieb das Tier präzise.7 Der reiche Sammler Richard Grenville, 1. Duke of Buckingham, kaufte das Skelett Anfang 1824 – die Quellen nennen zwischen 100 Pfund und 150 Guineas (etwa 9.800 Pfund in heutiger Kaufkraft).7

Der französische Anatom Georges Cuvier, damals die einflussreichste Stimme der vergleichenden Anatomie und ein Gründervater der Paläontologie, hielt den Fund zunächst für einen Betrug: ein aus mehreren Tieren zusammengesetztes Komposit.1 Am 20. Februar 1824 kam es zu einer Sondersitzung der Geological Society of London. Der Plesiosaurus wurde per Schiff von Lyme nach London transportiert – die Überfahrt verlief dramatisch, das Schiff lief auf Sandbänken der Themsemündung auf, zehn Männer brauchten es, das drei Meter lange Skelett die Treppe zum Versammlungsraum hinaufzuwuchten.7 Mary Anning, die den Fund gemacht, präpariert, gezeichnet und wissenschaftlich eingeordnet hatte, war nicht eingeladen. Frauen hatten keinen Zutritt.7

William Conybeare trug vor, stützte sich auf Marys Skizze und die Anatomie-Angaben und präsentierte das Tier als echte neue Gattung.6 Cuvier, mit weiteren Unterlagen und einer Zeichnung von Mary Morland (der späteren Mary Buckland) versorgt, zog seinen Betrugsvorwurf zurück und zitierte Anning von da an namentlich in seinen Werken. Conybeare tat das nicht – in seiner 1824 erschienenen Publikation heißt sie nur „the proprietor“.2

Einen zweiten, kleineren Plesiosaurus verkaufte Anning 1824 für zehn Pfund an Cuviers Emissär Louis Constant Prevost, der ihn für das Pariser Museum erwarb. 1830 folgte Plesiosaurus macrocephalus, den der 2. Earl of Enniskillen für 200 Guineas kaufte.3

Lithografie des Skeletts von Plesiosaurus dolichodeirus, gefunden von Mary Anning im Jahr 1823.

Lithografie des Skeletts von Plesiosaurus dolichodeirus, gefunden von Mary Anning im Jahr 1823, veröffentlicht in den „Transactions of the Geological Society of London“ von 1824.

Pterosaurier, Tintenfische und die Entzauberung der Bezoarsteine

Annings Funde der 1820er und 1830er Jahre gingen weit über die drei großen Saurier hinaus. 1828 barg sie den ersten Flugsaurier außerhalb Deutschlands, Pterodactylus macronyx, den William Buckland 1829 beschrieb – Richard Owen stellte das Tier später in die eigene Gattung Dimorphodon.8 Bucklands Aufsatz nannte sie, anders als Conybeare, ausdrücklich: „in the same blue lias formation at Lyme Regis, in which so many specimens of Ichthyosaurus and Plesiosaurus have been discovered by Miss Mary Anning“.83

Zwei kleinere Beobachtungen sind wissenschaftlich kaum weniger wichtig. 1826 fand Anning einen Belemniten, in dessen Körper sich eine verhärtete schwarze Masse befand: ein fossilierter Tintensack. Ihre Freundin Elizabeth Philpot rührte das Material mit Wasser an und malte damit Ichthyosaurus-Illustrationen – das Pigment funktionierte nach rund 200 Millionen Jahren immer noch.3 Zum zweiten hatte Anning bemerkt, dass die sonderbar geformten „Bezoarsteine“ oft in der Bauchregion von Ichthyosaurus-Skeletten lagen und beim Aufschlagen Fischknochen und -schuppen enthielten. Sie schloss auf fossile Exkremente. William Buckland griff den Gedanken 1829 auf und prägte den Begriff Koprolith, unter dem sie bis heute laufen.13

Ab 1826 führte sie einen eigenen Laden, „Anning’s Fossil Depot“, den Besucher aus ganz Europa aufsuchten.3 Als der Schweizer Naturforscher Louis Agassiz 1834 nach Lyme kam, um Fischfossilien zu studieren, notierte er in seinem Journal, Miss Philpot und Mary Anning hätten ihm „mit völliger Gewissheit“ gezeigt, welche Fossilien zu welchen Haigattungen gehörten. Agassiz benannte zum Dank in den frühen 1840er Jahren zwei fossile Fischarten nach ihr: Acrodus anningiae und Belonostomus anningiae.2 Zu Lebzeiten waren das die einzigen Taxa, die ihren Namen trugen.

Elizabeth Philpot, Tray und die Freundschaften einer Einzelgängerin

Mary Anning heiratete nie und hatte keine Kinder. Ihre engsten Beziehungen waren Arbeitsbeziehungen, die zu Freundschaften wurden.

  1. Mit Elizabeth Philpot, rund zwanzig Jahre älter, aus wohlhabenderem Mittelstandshintergrund und Teil eines Trios dreier fossiliensammelnder Schwestern (Elizabeth, Margaret und Mary Philpot), verband sie täglicher Strandgang, geteilte geologische Lektüre und jahrzehntelange Korrespondenz. Philpot hatte einen eigenen Blick für fossile Fische; die beiden Frauen arbeiteten nachweislich mit Agassiz zusammen.2
  2. Charlotte Murchison, Ehefrau des Geologen Roderick Murchison, verbrachte 1825 mehrere Wochen in Lyme, um mit Anning Fossiliensuche zu lernen. Ihr Mann schrieb später, sie habe „eine gute praktische Fossilistin“ werden sollen, indem sie „mit der berühmten Mary Anning dieses Orts“ zusammenarbeite.2 Die beiden Frauen blieben lebenslang in Briefkontakt.
  3. Henry De la Beche, mit Mary fast gleichaltrig und als Jugendlicher in Lyme aufgewachsen, begleitete sie auf Fossiliengängen. 1830 malte er das Aquarell Duria Antiquior (A More Ancient Dorset) – die erste weit verbreitete Rekonstruktion einer prähistorischen Szene, die fast ausschließlich auf Annings Funden basierte. Er ließ Drucke davon anfertigen und ließ den Erlös Mary zukommen, als sie in Finanznot geriet.3
  4. Und dann Tray. Ein schwarz-weißer kleiner Hund, der Anning auf ihre Strandgänge begleitete und ihre Funde bewachte, während sie Grabungshelfer holte. Gemalt ist er in dem bekannten Porträt, das heute im Natural History Museum hängt, zu Marys Füßen. 1833 ging ein Erdrutsch an der Küste nieder; Mary entkam mit knapper Not, Tray starb unter den herabstürzenden Felsen.2 Sie schrieb einer Freundin, der Tod ihres „armen alten Tray“ habe sie mehr getroffen als erwartet.

Warum Mary Anning zu Lebzeiten keine Anerkennung bekam

Strukturelle Ausgrenzung

Dass Mary Annings Name in den ersten wissenschaftlichen Publikationen zu ihren Funden fehlte, war kein Versehen, sondern systemisch. Die Geological Society of London war 1807 als Herrenclub gegründet worden; Frauen waren weder als Fellows noch als Gäste vorgesehen.2 Die British Association for the Advancement of Science, gegründet 1831, schloss Frauen ebenfalls aus.

Anerkannte Wissenschaft war an Mitgliedschaft, Konferenzen und Publikationen gebunden – genau die Orte, die Anning verschlossen blieben. Ihre Arbeit war bekannt, ihre Beteiligung jedoch institutionell unsichtbar.

Zur Geschlechterfrage kam die Klassenfrage: Sie verkaufte Fossilien und arbeitete manuell – für gentlemen scientists eine marginalisierte Rolle, kein Status als Kollegin.2 Die männlichen Käufer und Beschreiber ihrer Funde – Conybeare, Buckland, Owen, Murchison – stammten fast durchweg aus der anglikanischen Bildungs- und Oberschicht. Dass sie Anning auf Strandexkursionen besuchten, war akzeptiert; dass sie sie in den Transactions nicht als Autorin führten, entsprach der Norm.

In der Rückschau wird deutlich, wie geschlossen das System war: Mary Anning bewegte sich in einem wissenschaftlichen Umfeld, das formal auf Erkenntnisgewinn basierte, praktisch aber durch soziale und institutionelle Grenzen reguliert war. Ihre Funde bildeten die Grundlage zentraler Arbeiten – etwa bei Buckland oder Owen –, ohne dass ihre Urheberschaft angemessen gewürdigt wurde.

Anning konnte weder auf Konferenzen sprechen noch ihre Forschung selbst publizieren. Ihre Expertise war anerkannt, ihr Zugang zur wissenschaftlichen Öffentlichkeit jedoch blockiert. Diese Ausschlüsse wirkten nicht spektakulär, sondern strukturell stabil – ein System mit einem kaum durchlässigen, de facto bestehenden Glasdach.

Persönliche Wahrnehmung und begrenzte Anerkennung

Anning war sich dessen bewusst. Ihrer Freundin Anna Maria Pinney schrieb sie, die Herren der Wissenschaft hätten „ihr Gehirn ausgesaugt und eine Menge daraus verdient, indem sie Werke veröffentlichten, deren Inhalt sie [Mary] lieferte, während sie selbst keinen der Vorteile daraus zog“.3

In einem Brief formulierte sie außerdem:

The world has used me so unkindly, I fear it has made me suspicious of everyone.

Zu deutsch: Die Welt hat mich so unfreundlich behandelt, dass sie mich wohl gegen alle misstrauisch gemacht hat.1

Das einzige wissenschaftliche Schriftstück, das Anning zu Lebzeiten selbst veröffentlichen konnte, war eine kurze Notiz im Magazine of Natural History von 1839 – ein Briefauszug, in dem sie einer falschen Darstellung widersprach.9

Krankheit und Tod

Ab den frühen 1840er Jahren verschlechterte sich Mary Annings Gesundheit. 1845 wurde Brustkrebs diagnostiziert. Gegen die Schmerzen nahm sie Laudanum; in Lyme Regis wurde dies teils fälschlich als Alkoholismus gedeutet.2 Sie blieb unverheiratet und hatte keine Kinder.

Ihre letzten Jahre verbrachte sie in Lyme Regis, versorgt von ihrem Bruder Joseph und trotz einer kleinen Pension, die William Buckland 1838 vermittelt hatte, in finanzieller Knappheit.4 1846 sammelte die Geological Society of London Geld, um ihre Behandlung zu unterstützen. Im selben Jahr wurde sie Ehrenmitglied des Dorset County Museum.2

Mary Anning starb am 9. März 1847 im Alter von 47 Jahren in Lyme Regis. Beigesetzt wurde sie auf dem Friedhof von St. Michael the Archangel, der anglikanischen Kirche, zu der sie später übergetreten war.5

Im Jahr darauf hielt Henry De la Beche, Präsident der Geological Society, eine Laudatio, die veröffentlicht wurde.10 Es war die erste Ehrung dieser Art für eine Frau. Zudem finanzierten Mitglieder ein Buntglasfenster zu ihrem Gedenken, das 1850 eingeweiht wurde.4

Posthume Würdigung: Statue, Asteroid und Royal-Society-Liste

Die Anerkennung Mary Annings setzte spät ein. 1865 würdigte Charles Dickens sie in All the Year Round mit den Worten, „the carpenter’s daughter has won a name for herself“. Eine erste Biografie erschien 1925; breitere wissenschaftliche Aufmerksamkeit folgte erst in den 1990er Jahren, etwa durch Arbeiten von Hugh Torrens.2

Heute erinnern zahlreiche Ehrungen an sie: Seit 1991 tragen vulkanische Strukturen auf der Venus den Namen Anning Paterae.2 1999 wurde der Asteroid (3919) Maryanning nach ihr benannt.11 2010 nahm die Royal Society sie in ihre Liste bedeutender britischer Wissenschaftlerinnen auf.12

Auch öffentlich ist ihr Andenken präsent. 2021 erschien eine 50-Pence-Münze mit ihrem Ichthyosaurus. Das Natural History Museum in London zeigt ihre wichtigsten Funde in einer eigenen Ausstellung.1 Zudem ist die Jurassic Coast seit 2001 UNESCO-Welterbe, und das Lyme Regis Museum steht auf dem Gelände ihres Geburtshauses.13

Die Statue in Lyme Regis – angestoßen von einer Elfjährigen

Die wohl sichtbarste posthume Ehrung für Mary Anning begann 2018 als Schulprojekt. Die elfjährige Evie Swire aus Dorset stellte fest, dass nur etwa drei Prozent aller britischen Statuen Frauen zeigen, und wunderte sich, warum es in Lyme Regis kein Denkmal für Anning gab.14

Gemeinsam mit ihrer Mutter Anya Pearson gründete sie die Kampagne Mary Anning Rocks, sammelte mehr als 100.000 Pfund und gewann die Bildhauerin Denise Dutton für das Projekt. Die bronzene Statue zeigt Anning mit Hammer, Fossilienkorb und Tray; Ammoniten sind so angeordnet, dass Kinder sie abpausen können.14

Enthüllt wurde das Denkmal am 21. Mai 2022, Annings 223. Geburtstag, von Professor Alice Roberts. Zu den Schirmherren der Kampagne gehörten unter anderem Sir David Attenborough und Tracy Chevalier. Die Statue steht an der Kreuzung von Long Entry und Gun Cliff Walk in Lyme Regis, mit Blick auf Black Ven, wo Anning viele ihrer wichtigsten Funde machte.14

Mary Anning in Film, Buch und Popkultur

Populärkulturell rückte Mary Anning spät, aber mit Nachdruck ins Licht. In Tracy Chevaliers historischem Roman Remarkable Creatures (2009, dt. Zwei bemerkenswerte Frauen) stehen Anning und Elizabeth Philpot im Zentrum; Chevalier konzentriert sich auf die ungleiche weibliche Freundschaft und die geologischen Debatten der Zeit. Joan Thomas erzählte Annings Geschichte 2010 in Curiosity, Anthea Simmons widmete ihr 2019 mit Lightning Mary ein Kinderbuch. In der Reihe Little People, BIG DREAMS erschien 2021 ein Band für Kinder von María Isabel Sánchez Vegara.

„Ammonite“: Eine fiktive Liebesgeschichte trifft auf echte Wissenschaft

Mit dem Spielfilm „Ammonite“ (2020) auf Netflix/ Amazon Video wurde Mary Anning erstmals auf der großen Bühne sichtbar. Regisseur Francis Lee inszenierte ein stilles, atmosphärisches Drama über Isolation, Leidenschaft und weibliche Autonomie. Kate Winslet verkörpert Mary als stoische, verletzliche Frau, die sich nicht beugen lässt, während Saoirse Ronan die Rolle der Charlotte Murchison übernimmt.15

Basiert der Film Ammonite auf einer wahren Geschichte?

Ammonite ist von Mary Annings Leben inspiriert, erzählt ihre Geschichte aber nicht biografisch genau. Historisch belegt sind Annings soziale Isolation, ihr wirtschaftlicher Druck und die reale Existenz von Charlotte Murchison, die mit Anning bekannt war. Die Liebesbeziehung zwischen den beiden Frauen ist jedoch frei erfunden; für eine solche Beziehung gibt es keine historischen Belege. Der Film nutzt diese Fiktion, um Annings Ausgrenzung und Einsamkeit sichtbar zu machen. Er ist damit eher eine atmosphärische Annäherung an ihre Lebenswelt als ein historisch exaktes Biopic.14

Berühmte Zitate von Mary Anning

  • „The world has used me so unkindly, I fear it has made me suspicious of everyone.“ => „Die Welt hat mich so unfreundlich behandelt, ich fürchte, sie hat mich allen gegenüber misstrauisch gemacht.“

Female Empowerment mit Fossilienstaub

Mary Anning war nicht einfach eine Sammlerin. Sie war eine Denkerin, eine Visionärin, eine Frau, die sich mit Ausdauer, Intelligenz und Hingabe einen Platz in der Geschichte der Wissenschaft erarbeitete. Ohne akademische Ausbildung, aber mit scharfem Verstand und unbeirrbarem Willen schrieb sie Herstory. Heute inspiriert sie Generationen von Frauen, die sich für Wissenschaft, Geschichte und Gleichberechtigung stark machen. Ihre Geschichte erinnert uns daran, wie viele Genies unerkannt bleiben – weil sie zur falschen Zeit im falschen Körper lebten. Mary Anning ist ein Leuchtfeuer – für alle, die wissen wollen, was möglich ist, wenn man sich nicht kleinmachen lässt.

Häufig gestellte Fragen zu Mary Anning

Warum war Mary Anning wichtig für die Wissenschaft?2026-04-20T23:12:13+02:00

Sie lieferte der gerade entstehenden Paläontologie die ersten körperlich greifbaren Belege für ausgestorbene Meeresreptilien aus dem Erdmittelalter. Ihre Funde stützten Cuviers Extinktionstheorie, lange bevor Darwin die Evolution als Mechanismus formulierte. Ohne ihre Ichthyosaurier, Plesiosaurier und Flugsaurier wäre die frühe Saurierforschung Englands empirisch dürftig geblieben – sie stellte den Männern des Fachs die Tiere, an denen sie ihre Theorien überhaupt erst entwickeln konnten.12

Hatte Mary Anning einen Hund?2026-04-20T23:11:42+02:00

Ja. Ihr kleiner schwarz-weißer Begleithund hieß Tray und begleitete sie über Jahre bei ihren Strandgängen, bewachte Funde und ist auf dem bekanntesten Porträt Annings zu Füßen seiner Besitzerin abgebildet. 1833 starb Tray bei einem Erdrutsch an den Klippen, bei dem Anning selbst knapp entkam.2 Die neue Bronzestatue in Lyme Regis (2022) zeigt Tray an ihrer Seite.14

Was hat Mary Anning entdeckt?2026-04-20T23:03:14+02:00

Sie hat unter anderem das erste nahezu vollständige Skelett eines Ichthyosaurus (1811/1812), das erste vollständige Skelett eines Plesiosaurus (10. Dezember 1823), den ersten Flugsaurier (Dimorphodon) außerhalb Deutschlands (1828), einen weiteren Plesiosaurus (Plesiosaurus macrocephalus, 1830), den fossilen Fisch Squaloraja sowie zahlreiche Fische und Wirbellose aus dem Blue Lias der Jurassic Coast gefunden. Sie wies außerdem nach, dass sogenannte Bezoarsteine fossile Exkremente (Koprolithen) waren und dass Belemniten fossile Tintensäcke besaßen.13

Welcher Religion gehörte Mary Anning an?2026-04-20T23:12:02+02:00

Ihre Familie gehörte zu den Dissentern, genauer zu den Kongregationalisten – einer protestantischen Glaubensgemeinschaft, die sich von der anglikanischen Staatskirche abgespalten hatte. In ihrer Dissenter-Sonntagsschule lernte Mary Lesen und Schreiben. Als Erwachsene konvertierte sie zur anglikanischen Kirche und wurde 1847 auf dem Friedhof von St. Michael the Archangel in Lyme Regis beigesetzt.5

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Auch unvergessen:

Bildquellen

  • Mary Anning (Porträt, 1847) — Foto: B. J. Donne.
    Lizenz: Public Domain.
    Jetzt auf Wikimedia Commons ansehen.
    Anpassungen: Hintergrund entfernt.
  • Skelett eines Plesiosaurus (1823) — Illustration: Thomas Webster (1773–1844).
    Lizenz: Public Domain.
    Jetzt auf Wikimedia Commons ansehen.
  • Ichthyosaurus (1819) — Illustration: Philosophical Transactions of the Royal Society of London, Bd. 109 (1819). Quelle: Linda Hall Library.
    Lizenz: Public Domain.
    Quelle ansehen.

Textquellen

  1. Eylott, M.-C. (o. J.): Mary Anning: The unsung hero of fossil discovery. Natural History Museum, London. –
    nhm.ac.uk
  2. Torrens, H. S. (1995): Mary Anning (1799–1847) of Lyme, ‚the greatest fossilist the world ever knew‘.
    British Journal for the History of Science 28, 257–284.
  3. Museum of the Earth / Paleontological Research Institution (o. J.): Mary Anning. –
    museumoftheearth.org
  4. UNSW Sydney (o. J.): Mary Anning. Science History Profiles. –
    unsw.edu.au
  5. Goodhue, T. W. (2001): The Faith of a Fossilist: Mary Anning. Anglican and Episcopal History 70 (1).
  6. Conybeare, W. D. (1824): On the Discovery of an almost perfect Skeleton of the Plesiosaurus.
    Transactions of the Geological Society of London.
  7. Wellcome Collection (o. J.): Would you like to buy a dinosaur? – Mary Annings Briefe an Henry Bunbury. –
    wellcomecollection.org
  8. Buckland, W. (1829): On the Discovery of a new species of Pterodactyle in the Lias at Lyme Regis.
    Transactions of the Geological Society of London.
  9. Anning, M. (1839): Note on the supposed frontal spine in the genus Hybodus.
    Magazine of Natural History 3 (N. S.), 605.
  10. De la Beche, H. T. (1848): Anniversary Address of the President – Eulogy on Mary Anning.
    Quarterly Journal of the Geological Society.
  11. NASA JPL Small-Body Database: (3919) Maryanning. –
    ssd.jpl.nasa.gov
  12. Royal Society (2010): Most influential British women in science history.
  13. Lyme Regis Museum (o. J.): Mary Anning’s Story. –
    lymeregismuseum.co.uk
  14. Mary Anning Rocks (o. J.): Campaign Archive. –
    maryanningrocks.co.uk
  15. IMDb (o. J.): Ammonite. –
    IMDb
  16. Clary, Renée (2019): Mary Anning: She Sold Fossil Sea Shells. –
    Geological Society
  17. Kienle, Dela (2019): Vor unserer Zeit: Mary Anning. –
    Plan17.de
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