Gerty Cori

Erste Nobelpreisträgerin der Medizin & Entschlüsslerin des Zuckers

* 15. August 1896 Prag, Österreich-Ungarn (heute Tschechien)

† 26. Oktober 1957 Glendale (Missouri), USA

Eine Frau mit braunen Haaren und schwarzer Bluse namens Gerty Cori, die als erste Frau den Nobelpreis für Medizin erlangte
Veröffentlicht am: 21.06.2026Letzte Aktualisierung: 21.06.20261614 Worte11,5 Min. LesedauerCategories: , , , ,

Wer war Gerty Cori?

Gerty Cori erklärte 1929, wie der menschliche Körper Zucker abbaut, einlagert und wieder zurückholt. 1947 erhielt sie als erste Frau den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Sie war zugleich die erste Amerikanerin, die einen naturwissenschaftlichen Nobelpreis gewann.¹ Davor hatte sie sechzehn Jahre an derselben Universität geforscht wie ihr Mann. Ihr Titel lautete jedoch nur „Research Associate“, ihr Gehalt war ein Bruchteil des seinen.²

Diese Lücke zwischen Leistung und Anerkennung zieht sich durch ihr ganzes Leben. Gerty und Carl Cori unterschrieben ihre Arbeiten gemeinsam, mal stand ihr Name zuerst, mal seiner.⁴ Die Stellenangebote gingen trotzdem fast immer an ihn. Erst der Nobelpreis machte sichtbar, was Kolleginnen und Kollegen längst wussten: Die Entdeckung war beider Werk.

Herkunft in Prag: ein Jahr Latein und Naturwissenschaft

Gerty Theresa Radnitz kam am 15. August 1896 in Prag zur Welt, damals Teil des Habsburgerreichs. Sie war die älteste von drei Töchtern einer jüdischen Familie. Ihr Vater Otto Radnitz leitete eine Zuckerraffinerie.² Bis zum Alter von zehn Jahren erhielt sie Privatunterricht zu Hause. Anschließend besuchte sie ein Lyzeum für Mädchen und machte dort 1912 ihren Abschluss.¹

Mädchenschulen bereiteten zu dieser Zeit kaum auf ein Studium vor. Sie vermittelten gesellschaftliche Umgangsformen statt Latein, Mathematik und Physik.² Gerty Radnitz wollte dennoch Medizin studieren. Ein Onkel, Professor für Kinderheilkunde an der Prager Universität, bestärkte sie darin.⁵

Für die Zulassung fehlten ihr ganze Schuljahre an Stoff: das Äquivalent von acht Jahren Latein sowie fünf Jahren Mathematik und Naturwissenschaft.⁵ Sie holte dieses Pensum in nur einem Jahr nach. 1914 bestand sie die Reifeprüfung am Realgymnasium in Tetschen.¹ Damit stand ihr die Tür zur Universität offen.

Das Medizinstudium und die Begegnung mit Carl Cori

1914 schrieb sich Gerty Radnitz an der Medizinischen Fakultät der Deutschen Universität in Prag ein. Sie gehörte zu den wenigen Frauen ihres Jahrgangs.³ Schon im ersten Semester lernte sie Carl Ferdinand Cori kennen. Sie war gesprächig und kontaktfreudig, er still und zurückhaltend. Beide teilten dasselbe Ziel: Sie wollten in der medizinischen Forschung arbeiten.²

Carl Cori beschrieb die junge Kommilitonin später mit deutlichen Worten. Sie habe „Charme, Vitalität, Intelligenz, Sinn für Humor und Liebe zur Natur“ besessen – Eigenschaften, die ihn sofort angezogen hätten.⁵ Gemeinsam wanderten und kletterten sie, gemeinsam begannen sie noch als Studierende zu forschen. Ihre erste Zusammenarbeit entstand aus einer immunologischen Untersuchung des menschlichen Blutserums.¹

Der Erste Weltkrieg unterbrach Carls Studium, weil er als Sanitätsoffizier an der italienischen Front diente.² Trotzdem schlossen beide 1920 ihr Medizinstudium ab. Im selben Jahr heirateten sie. Vor der Hochzeit konvertierte Gerty Cori zum Katholizismus.⁵

Gerty Cori & Carl Cori im Labor

Wien, Hunger und die Entscheidung zur Auswanderung

Nach dem Examen trennten sich zunächst ihre beruflichen Wege. Carl Cori fand Anstellungen an Universitätskliniken, Gerty Cori arbeitete am Wiener Karolinen-Kinderspital.³ Schon hier zeigte sich das Muster: Ihm standen Forschungsinstitute offen, sie wurde wegen ihres Geschlechts auf die niedrigere Stelle verwiesen.

Die Nachkriegsjahre in Mitteleuropa waren von Mangel geprägt. Lebensmittel waren knapp. Im Krankenhaus bot man Gerty Cori Nahrungsergänzung an, doch sie lehnte ab. Die Patientinnen und Patienten brauchten sie aus ihrer Sicht dringender.² In der Folge erkrankte sie an Xerophthalmie, einer schweren Augenerkrankung durch Vitamin-A-Mangel. Sie verbesserte ihre Ernährung rechtzeitig, bevor bleibende Schäden entstanden.⁵

Hinzu kam der wachsende Antisemitismus. Carl Cori erkannte, dass Gertys jüdische Herkunft akademische Stellen in Europa praktisch unmöglich machte – trotz ihrer Konversion.⁵ Deshalb entschloss sich das Paar zur Auswanderung. 1922 nahm Carl Cori eine Stelle als Biochemiker am State Institute for the Study of Malignant Diseases in Buffalo an. Gerty Cori folgte rund sechs Monate später und wurde dort Assistenzpathologin.⁴

Buffalo: gemeinsame Forschung trotz offener Drohungen

In Buffalo begann die eigentliche Arbeitspartnerschaft. Die Coris untersuchten zunächst den Zuckerstoffwechsel von Tumoren, dann den Kohlenhydratstoffwechsel des gesunden Körpers.³ Von der ersten gemeinsamen Veröffentlichung 1923 an ließen sich ihre Beiträge kaum noch trennen.⁵ 1928 wurden beide amerikanische Staatsbürger.¹

Diese Zusammenarbeit war alles andere als selbstverständlich. Der Institutsdirektor in Buffalo drohte Gerty Cori mit der Entlassung, sollte sie weiter mit ihrem Mann forschen.⁵ Das Paar ignorierte die Drohung und behielt seine Stellen. Bei einem späteren Bewerbungsgespräch sagte man Gerty Cori sogar, es sei „unamerikanisch“, wenn ein Ehepaar zusammenarbeite.⁵

Am Roswell-Institut veröffentlichten die Coris rund fünfzig gemeinsame Arbeiten. Wer die Hauptarbeit geleistet hatte, stand jeweils vorn.⁴ Gerty Cori publizierte zusätzlich elf Aufsätze als alleinige Autorin.⁴ 1929 stellten beide jene Theorie vor, die heute ihren Namen trägt.

Der Cori-Zyklus: Wie der Körper Zucker speichert und zurückholt

Der Cori-Zyklus beschreibt den Weg der Energie im Körper – von den Muskeln zur Leber und zurück.⁴ In den Muskeln liegt Zucker als Glykogen gespeichert. Bei Anstrengung baut der Körper dieses Glykogen zu Glukose ab. Ein Teil bleibt dabei als Milchsäure (Laktat) zurück.

Genau hier setzt der Kreislauf an. Die Leber nimmt die Milchsäure auf und wandelt sie zurück in Glukose um. Daraus entsteht erneut Glykogen, das die Muskeln einlagern, bis sie es wieder benötigen.⁴ Vor dieser Erklärung war unklar, wie der Körper seinen Energienachschub konstant hält. Die Coris beschrieben den Zyklus 1929 als Erste vollständig.⁴

Für die Behandlung von Diabetes wurde dieses Wissen besonders wichtig, denn bei dieser Erkrankung gerät der Zuckerkreislauf durcheinander.² So verband die Grundlagenforschung der Coris reine Biochemie mit konkreter medizinischer Anwendung.

Der Cori-Ester und das Enzym Phosphorylase

Wofür ist Gerty Cori über den Zyklus hinaus bekannt? Vor allem für eine Entdeckung im Reagenzglas. 1936 isolierte das Ehepaar Glukose-1-Phosphat, ein Zwischenprodukt beim Abbau des Glykogens.¹ Nach seinen Entdeckern heißt die Verbindung bis heute „Cori-Ester“.

Außerdem identifizierten die Coris das Enzym Phosphorylase. Dieses Enzym steuert sowohl den Abbau als auch den Aufbau von Vielfachzuckern.¹ Mit diesem Wissen gelang ihnen etwas Neues: Sie stellten Glykogen außerhalb des Körpers im Reagenzglas her.¹ Damit zeigten sie, dass sich der Stoffwechselweg im Labor nachbauen lässt. Später kristallisierten sie die Phosphorylase und weitere Enzyme.¹

St. Louis: sechzehn Jahre als „Research Associate“

1931 wechselten die Coris an die Washington University in St. Louis. Carl Cori übernahm den Lehrstuhl für Pharmakologie.² Gerty Cori erhielt lediglich eine Stelle als Forschungsassistentin – bei deutlich niedrigerem Rang und Gehalt.⁵ Andere Universitäten hatten zuvor sogar nur ihn umworben.

Die Hürden waren ausdrücklich an ihr Geschlecht geknüpft. Cornell und die University of Toronto lehnten es ab, Gerty Cori einzustellen, während sie ihren Mann zu gewinnen versuchten.⁴ Fakultätsmitglieder in Rochester warnten sie, sie könne die Karriere ihres Mannes ruinieren.⁴ Das Paar forschte trotzdem weiter zusammen.

Sechzehn Jahre lang blieb Gerty Cori im Rang einer Mitarbeiterin, während Carl Cori aufstieg.⁴ Ihr Labor wurde dennoch zu einem Zentrum der Biochemie. Sechs der dort ausgebildeten Forschenden erhielten später selbst einen Nobelpreis.⁵ Erst 1947 ernannte die Universität sie zur ordentlichen Professorin für Biochemie.¹

Der Nobelpreis 1947 – und eine Diagnose im selben Jahr

Wann bekam Gerty Cori den Nobelpreis? 1947. Sie und Carl Cori teilten sich eine Hälfte des Nobelpreises für Physiologie oder Medizin „für ihre Entdeckung des Verlaufs der katalytischen Umwandlung des Glykogens“.¹ Die andere Hälfte ging an den argentinischen Physiologen Bernardo Houssay. Gerty Cori war die erste Frau, die den Medizin-Nobelpreis erhielt. Zugleich war sie erst die dritte Frau überhaupt mit einem naturwissenschaftlichen Nobelpreis.⁵

Ausgerechnet im Jahr des größten Erfolgs erkrankte sie schwer. Ärzte diagnostizierten eine Myelofibrose, eine seltene Erkrankung des Knochenmarks.² Möglicherweise hing die Krankheit mit ihrer frühen Arbeit mit Röntgenstrahlen zusammen.⁵

Woran starb Gerty Cori? An den Folgen dieser Knochenmarkserkrankung. Zehn Jahre lang kämpfte sie dagegen an und arbeitete dabei so viel weiter, wie es ihr Zustand erlaubte.⁵ Am 26. Oktober 1957 starb sie zu Hause in Glendale bei St. Louis im Alter von 61 Jahren.²

Anerkennung, Ehrungen und ein fehlerhafter Briefmarken-Druck

Neben dem Nobelpreis sammelte Gerty Cori weitere Auszeichnungen. 1948 erhielt sie die Garvan-Medaille der American Chemical Society für herausragende Chemikerinnen.³ Im selben Jahr nahm sie die American Philosophical Society auf.⁵ Präsident Harry S. Truman berief sie in den Vorstand der National Science Foundation, ein Amt, das sie bis zu ihrem Tod innehatte.⁵

Trotzdem blieb ihr manche Ehrung verwehrt, die ihr Mann allein erhielt. In die National Academy of Sciences wählte man sie erst Jahre nach Carl Cori.³ Auch die Willard-Gibbs-Medaille und den Lasker Award bekam er ohne sie, obwohl sie gemeinsam geforscht hatten.³

Die Anerkennung wuchs nach ihrem Tod weiter. 1998 nahm die National Women’s Hall of Fame sie auf.⁵ 2008 widmete ihr die US-Post eine Briefmarke – allerdings mit einem Fehler in der abgedruckten Strukturformel des Cori-Esters, den die Post bewusst in Kauf nahm.⁶ Nach Gerty Cori sind außerdem ein Mondkrater und ein Krater auf der Venus benannt.⁷

Wie viele Kinder hatte Gerty Cori?

Gerty und Carl Cori hatten einen gemeinsamen Sohn, Carl Thomas Cori.¹ Familie und Forschung liefen für sie nebeneinander her. Auch während Krankheit und Schwangerschaft setzte Gerty Cori ihre Arbeit fort.

Wie sehr ihr diese Arbeit bedeutete, zeigt ein Text aus dem Jahr 1954. Für eine Radiosendung von Edward R. Murrow formulierte sie ihre persönliche Lebensphilosophie. Darin nannte sie Ehrlichkeit, Mut und Güte als die Tugenden, die sie bewundere.⁵ Über die Forschung schrieb sie: „Für einen Forscher sind die unvergessenen Momente seines Lebens jene seltenen, die nach Jahren mühsamer Arbeit kommen – wenn sich der Schleier über dem Geheimnis der Natur plötzlich zu lüften scheint und das zuvor Dunkle und Chaotische in klarem, schönem Licht und Muster erscheint.“⁵

Der Biochemiker Severo Ochoa, selbst Nobelpreisträger, beschrieb sie in einem Nachruf 1958. Er rühmte die seltene Mischung aus enormem Tatendrang und einem ungewöhnlich sanften, freundlichen Wesen.⁵

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Auch unvergessen:

Bildquellen

Textquellen

  1. „Gerty Cori – Biographical“. Les Prix Nobel / Nobel Lectures. NobelPrize.org
  2. „Carl Ferdinand Cori and Gerty Theresa Cori“. Scientific Biographies. Science History Institute
  3. „Gerty Theresa Cori (1896–1957)“. American Chemical Society
  4. „Biography: Dr. Gerty Theresa Radnitz Cori“. Changing the Face of Medicine. U.S. National Library of Medicine
  5. Christ, Marian: „Nobel Prize Biochemist Gerty T. Cori“, 24. Oktober 2022. American Philosophical Society
  6. „Stamp honoring Washington University scientist and Nobelist unveiled“, 2008. The Source – Washington University in St. Louis
  7. „Gerty Cori“. Wikipedia