Alice Augusta Ball

Die Chemikerin, die Lepra behandelbar machte

* 24. Juli 1892 Seattle, Washington, USA

† 31. Dezember 1916 Seattle, Washington, USA

Eine schwarze Frau mit einem Schal und einem Hut beim Abschluss ihres Studiums
Veröffentlicht am: 24.06.2026Letzte Aktualisierung: 08.07.20261515 Worte10,8 Min. LesedauerCategories: , ,

Wer war Alice Augusta Ball?

Alice Ball war 23 Jahre alt, als sie ein Problem löste, an dem Mediziner seit Jahrzehnten scheiterten. Sie machte das einzige bekannte Lepra-Mittel überhaupt erst brauchbar. Wenig später starb sie mit 24 – bevor sie ihre Ergebnisse veröffentlichen konnte. Ein Kollege nahm die Entdeckung und schrieb seinen Namen darüber.

Erst Jahrzehnte später holte die Forschung ihren Namen zurück. Heute trägt die Methode wieder ihre Bezeichnung: die Ball-Methode. Ihr Lebensweg zeigt, wie schnell die Wissenschaft eine Frau übersehen konnte. Und er zeigt, wie hartnäckig die Erinnerung sein muss, um das zu korrigieren. In ihr Schuljahrbuch hatte Ball notiert: „Ich arbeite und arbeite, und doch scheint es, als hätte ich nichts erreicht.“¹

Eine Kindheit zwischen Dunkelkammer und Umzügen

Alice Augusta Ball kam am 24. Juli 1892 in Seattle zur Welt, als drittes von vier Kindern einer schwarzen Mittelschichtfamilie. Ihr Vater James arbeitete als Anwalt und Zeitungsherausgeber, ihre Mutter Laura Louise als Fotografin. Den ersten Kontakt zur Chemie bekam Alice in der Dunkelkammer ihres Großvaters.

Dieser Großvater war kein Unbekannter. James Presley Ball Sr. gehörte zu den ersten Afroamerikanern, die das Daguerreotypie-Verfahren beherrschten – die früheste Form der Fotografie. Vor seiner Kamera saß unter anderem der Abolitionist Frederick Douglass.¹ Das Entwickeln von Bildern war angewandte Chemie, und Alice wuchs mittendrin auf.

1902 zog die Familie nach Honolulu, weil das mildere Klima dem kranken Großvater helfen sollte. Er starb jedoch schon zwei Jahre später. Daraufhin kehrten die Balls nach Seattle zurück. Dort schloss Alice die Highschool als eine von wenigen schwarzen Schülerinnen mit Bestnoten ab.

Die erste schwarze Frau mit einem Master in Chemie

An der University of Washington studierte Ball zunächst Pharmazeutische Chemie und schloss 1912 ab. Zwei Jahre später folgte ein zweiter Abschluss in Pharmazie. Damit war sie die erste schwarze Frau, die die Universität in pharmazeutischer Chemie verließ.¹

Schon als Studentin veröffentlichte sie mit. Gemeinsam mit einem Professor verfasste sie den Fachaufsatz „Benzoylations in Ether Solution“. Er erschien im angesehenen Journal of the American Chemical Society.¹ Für eine junge Studentin war das ungewöhnlich.

Für ihr Masterstudium ging Ball zurück nach Hawaii. Am damaligen College of Hawaii untersuchte sie die chemischen Wirkstoffe der Kava-Wurzel. 1915 wurde sie dort die erste Frau und die erste Afroamerikanerin mit einem Masterabschluss in Chemie.² Direkt danach bot ihr das College eine Stelle als Chemie-Dozentin an – auch das ein Novum.

Kurz zusammengefasst: Was ist Lepra?

Um Balls Leistung zu verstehen, hilft ein Blick auf die Krankheit. Lepra ist eine chronische Infektionskrankheit. Auslöser ist das Bakterium Mycobacterium leprae. Den Erreger identifizierte 1873 der norwegische Arzt Gerhard Armauer Hansen. Deshalb heißt die Krankheit medizinisch auch Morbus Hansen.

Lange galt Lepra als Inbegriff des Unheilbaren. Betroffene wurden isoliert, oft für den Rest ihres Lebens. Allein auf der hawaiianischen Halbinsel Kalaupapa brachten die Behörden ab 1866 mehr als 8.000 Erkrankte zwangsweise unter. Viele wurden vor dem Gesetz für tot erklärt und von ihren Familien getrennt.

Welche Symptome Lepra verursacht

Lepra greift vor allem die Haut, die peripheren Nerven, die Schleimhaut der oberen Atemwege und die Augen an.³ Erste Anzeichen sind meist helle oder dunkle Hautflecken, die das Gefühl verlieren. Genau dieser Gefühlsverlust macht die Krankheit so tückisch.

Weil betroffene Stellen taub werden, bemerken Erkrankte Verletzungen oft nicht. Unbehandelt schädigt Lepra die Nerven dauerhaft und kann zu Lähmungen führen. Die gefürchteten Entstellungen sind also keine direkte Folge des Bakteriums. Sie entstehen aus unbehandelten Nervenschäden und Verletzungen.

Wie ansteckend Lepra wirklich ist

Trotz ihres Schreckens ist Lepra wenig ansteckend. Das Bakterium überträgt sich vermutlich über Tröpfchen aus Nase und Mund. Dafür braucht es engen, langen Kontakt mit unbehandelten Erkrankten.³ Händeschütteln, Umarmungen oder gemeinsame Mahlzeiten reichen nicht aus.

Hinzu kommt: Rund 95 Prozent aller Menschen sind von Natur aus immun gegen den Erreger.² Wer sich ansteckt, merkt zunächst nichts. Die Inkubationszeit beträgt im Schnitt etwa fünf Jahre. Manchmal dauert es bis zu 20 Jahre, bis Symptome auftreten.³ Deshalb ließ sich die Ausbreitung historisch so schwer nachvollziehen.

Ist Lepra heute noch heilbar?

Ja, Lepra ist heute heilbar. Seit den 1980er-Jahren behandelt man sie mit einer Kombination aus drei Antibiotika, der sogenannten Mehrfach-Therapie aus Dapson, Rifampicin und Clofazimin.³ Die Behandlung dauert sechs bis zwölf Monate und tötet den Erreger zuverlässig ab.

Gibt es Lepra überhaupt noch?

Ausgerottet ist die Krankheit aber nicht. Die Weltgesundheitsorganisation zählt Lepra zu den vernachlässigten Tropenkrankheiten. Sie tritt noch in mehr als 120 Ländern auf. 2022 meldete die WHO weltweit 174.087 neue Erkrankungen.³ Früh erkannt, lässt sie sich heute jedoch ohne bleibende Schäden behandeln.

Wie Alice Ball Lepra behandelte – die Ball-Methode

Das einzige halbwegs wirksame Mittel gegen Lepra war damals Chaulmoograöl. Man gewinnt es aus den Samen eines tropischen Baumes. In Teilen Asiens nutzte man es seit Jahrhunderten. Doch das Öl hatte ein praktisches Problem.

Geschluckt verursachte es Übelkeit und Magenbeschwerden, sodass viele Patienten die Behandlung abbrachen. Direkt unter die Haut gespritzt, war es zähflüssig und schmerzhaft. Es bildete Abszesse und verschlimmerte die ohnehin geschädigte Haut. Eine verlässliche Wirkung blieb aus.

Harry T. Hollmann, Assistenzarzt am Kalihi-Hospital in Honolulu, suchte deshalb nach einer Lösung. Er kannte Balls Arbeit über die Kava-Wurzel und fragte sie, ob sie den Wirkstoff des Öls auf ähnliche Weise herauslösen könne.² Ball nahm die Aufgabe an – neben ihrer Lehre, in jeder freien Minute.

In weniger als einem Jahr löste sie das Problem. Ball isolierte die Ethylester der Fettsäuren aus dem Öl und machte sie wasserlöslich.⁴ So entstand eine Substanz, die der Körper aufnehmen konnte und die sich schmerzarm spritzen ließ. Die Wirkstoffe blieben erhalten, die Nebenwirkungen verschwanden.

Hollmann ließ keinen Zweifel daran, wem der Durchbruch gehörte. „Nach umfangreicher experimenteller Arbeit löste Miss Ball das Problem für mich“, schrieb er später.⁵ Schon 1918 meldete ein Arzt im Journal of the American Medical Association, dass 78 Patienten nach der Behandlung mit Balls Injektionen aus dem Kalihi-Hospital entlassen wurden.⁶

Für viele bedeutete das die Rückkehr nach Hause. Balls Methode blieb fast zwanzig Jahre lang die wichtigste Lepra-Behandlung weltweit. Erst in den 1940er-Jahren kamen neue Medikamente auf. Bis dahin verdankten Tausende isolierte Patienten ihr ein Leben außerhalb der Leprastationen.

Ein Tod mit 24 Jahren

Den eigenen Triumph erlebte Ball nicht mehr bewusst. 1916 erkrankte sie schwer. Eine Zeitungsmeldung von 1917 nennt als Ursache eine Chlorgasvergiftung, die sie sich im September 1916 beim Unterrichten zugezogen habe.² Damals waren Abzugshauben in Laboren noch nicht vorgeschrieben.

Ball kehrte zur Behandlung nach Seattle zurück. Dort starb sie am 31. Dezember 1916, mit gerade einmal 24 Jahren. Ihre Forschungsergebnisse hatte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht. Genau diese Lücke nutzte ein anderer.

Wer fand das Mittel gegen Lepra? Der gestohlene Ruhm

Nach Balls Tod führte Arthur L. Dean ihre Arbeit fort – der Präsident des College of Hawaii. Er verfeinerte das Verfahren, produzierte die Injektionen in größerem Maßstab und veröffentlichte die Ergebnisse unter seinem Namen. Ball erwähnte er nicht. Stattdessen nannte er das Verfahren kurzerhand „Dean-Methode“.¹

Über Jahre galt Dean als der Mann hinter der Lepra-Behandlung. Die Korrektur kam von Hollmann. 1922, sechs Jahre nach Balls Tod, veröffentlichte er einen Fachartikel, der ihre zentrale Rolle klarstellte. Konsequent nannte er das Verfahren darin „Ball-Methode“.²

Wer also fand das Mittel gegen Lepra? Die erste wirksame Behandlung entwickelte Alice Ball. Den Erreger selbst hatte Jahrzehnte zuvor Armauer Hansen entdeckt. Das eigentliche Heilmittel, die Antibiotika, kam erst später. Ball lieferte das entscheidende Bindeglied: eine Therapie, die wirkte.

Die späte Anerkennung

Lange blieb Balls Name verschwunden. Erst Jahrzehnte später stieß die Historikerin Kathryn Takara an der University of Hawaii auf Balls Originalarbeit und rekonstruierte ihren Anteil.¹ Daraufhin setzte eine Welle der Wiedergutmachung ein.

Im Jahr 2000 brachte die University of Hawaii eine Gedenktafel an – unter dem einzigen Chaulmoogra-Baum des Campus. Im selben Jahr wurde der 29. Februar zum „Alice Ball Day“ erklärt. Heute begeht Hawaii diesen Tag am 28. Februar. 2007 verlieh die Universität ihr posthum die Medal of Distinction.⁷

Die Ehrungen reißen nicht ab. Es gibt ein Alice-Ball-Stipendium für Studierende der Chemie. 2022 nahm die National Women’s Hall of Fame sie auf.¹ Mehr als ein Jahrhundert nach ihrem Tod steht ihr Name wieder dort, wo er hingehört.

Was Gürteltiere mit Lepra zu tun haben

Der Mensch ist nicht der einzige Wirt des Lepra-Erregers. Neun-Binden-Gürteltiere tragen Mycobacterium leprae ebenfalls in sich. Sie sind das einzige bekannte tierische Reservoir.⁸ In Teilen der Welt steckt das Tier den Menschen an.

Belegt ist diese Übertragung vor allem im Süden der USA, etwa in Texas, Louisiana und Florida, außerdem in Brasilien und Mexiko. Genanalysen zeigten, dass Erreger von wilden Armadillo und von Patienten nahezu identisch waren.⁸ Wer Gürteltiere jagt oder ihr Fleisch isst, trägt deshalb ein erhöhtes Risiko.

Für Alice Balls Geschichte ist das eine späte Pointe. Die Krankheit, die sie behandelbar machte, gibt bis heute Rätsel auf. Ihre Spur reicht von den hawaiianischen Leprastationen bis zu den Gürteltieren im amerikanischen Süden.

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Auch unvergessen:

Bildquellen

  • Alice Augusta Ball (1892–1916). Bildquelle: See page for author, Public domain, via Wikimedia Commons.

Textquellen

  1. Krichbaum, Emily: „Alice Ball“. National Women’s History Museum
  2. Brewster, Carisa D.: „How the Woman Who Found a Leprosy Treatment Was Almost Lost to History“. National Geographic, 28. Februar 2018. National Geographic
  3. World Health Organization: „Leprosy“. Fact Sheet. WHO
  4. Mushtaq, Sabrina; Wermager, Paul: „Alice Augusta Ball: The African-American Chemist Who Pioneered the First Viable Treatment for Hansen’s Disease“. Clinics in Dermatology, Band 41, Heft 1, 2023. ScienceDirect
  5. Ricks, Delthia: „Overlooked No More: Alice Ball, Chemist Who Created a Treatment for Leprosy“. The New York Times, 8. April 2023. The New York Times
  6. Wong, Kathleen M.: „The Trailblazing Black Woman Chemist Who Discovered a Treatment for Leprosy“. Smithsonian Magazine, 2022. Smithsonian Magazine
  7. University of Hawaiʻi System News: „Alice Ball: 1st African-American woman chemist, UH alumna celebrated“. hawaii.edu
  8. „Armadillos Likely Transmitting Leprosy to Humans in Southern U.S.“. Scientific American. Scientific American