Inge Lehmann
Seismologin & Entdeckerin des inneren Erdkerns
* 13.05.1888 Kopenhagen, Dänemark
† 21.02.1993 Kopenhagen, Dänemark

Wer war Inge Lehmann?
Inge Lehmann war eine dänische Seismologin und Mathematikerin. 1936 entdeckte sie den festen inneren Erdkern. Bis dahin galt der Erdkern als vollständig flüssig. Lehmann zeigte anhand seismischer Aufzeichnungen, dass im Inneren des flüssigen Kerns eine zweite, feste Kugel stecken muss.¹ Sie leitete von 1928 bis 1953 die seismologische Abteilung des Königlich Dänischen Geodätischen Instituts. Bis Mitte achtzig arbeitete sie weiter.² Ihre Lebensspanne reichte fast 105 Jahre: vom Bismarck-Reich bis zum Ende der Sowjetunion.³
Kindheit am Østerbro
Inge Lehmann wuchs in einem Haus an der Kastelvej im Kopenhagener Stadtteil Østerbro auf. Mehr als fünfzig Jahre lebte sie später dort.³ Ihr Vater Alfred Lehmann führte die experimentelle Psychologie in Dänemark ein. 1919 wurde er Professor an der Universität Kopenhagen.⁴ Er war selten zu Hause. Trotzdem prägte er die Tochter durch Bücher und seine Hinwendung zu „exakten“ Wissenschaften.⁴ Die Mutter stammte aus der Familie Tørsleff, in der „jede Generation einen Pfarrer hatte“, so Bolt.³
Schon mit elf Jahren ertappten die Eltern Inge nach einem Schulball. Sie löste mit älteren Schülern quadratische Gleichungen.⁴ Die Eltern reagierten ambivalent. Einerseits förderten sie ihre Tochter. Andererseits wollten sie das schmächtige Mädchen vor Überanstrengung schützen.⁴ Später kommentierte Lehmann das trocken: „One could not expect them to understand that I could have been stronger if I had not been so bored in school.“⁴
Die Schule von Hanna Adler
Lehmann besuchte H. Adlers Fællesskole, die erste koedukative Schule Dänemarks. Hanna Adler hatte sie 1893 gegründet.⁴ Zwei Jahre zuvor hatte Adler zusammen mit Kirstine Meyer als erste Frau einen Physik-Abschluss an der Universität Kopenhagen gemacht. Sie war zudem eine Tante von Niels Bohr.⁴ Mädchen und Jungen lernten gemeinsam – auch in Sport, Nähen und Kochen.⁴
Diese Erfahrung prägte Lehmann tief. In Adlers Nachruf von 1947 schrieb sie: *„No difference between the intellect of boys and girls was recognized.“*³ Erst später musste sie erkennen, dass diese Haltung außerhalb der Schule kaum verbreitet war.³ Als die jüdische Adler 1943 im Lager Horserød interniert wurde, schrieben 400 ehemalige Schülerinnen und Schüler an den deutschen Reichsbevollmächtigten Werner Best. Adler kam frei.⁴
Welche Ausbildung absolvierte Inge Lehmann?
Im Sommer 1906 bestand Lehmann das Universitätszulassungsexamen mit Auszeichnung erster Klasse.³ Ab Herbst 1907 studierte sie Mathematik an der Universität Kopenhagen, daneben Physik, Chemie und Astronomie. Ihre erste Teilprüfung legte sie 1910 ab.³
Anschließend ging sie für ein Jahr ans Newnham College in Cambridge. Das College gehörte zu den wenigen englischen Häusern, die damals Frauen aufnahmen.³ Sie blieb länger als geplant und bereitete sich auf den Mathematical Tripos vor. Die strengen Regeln für junge Frauen empfand sie als Schock. Sie waren „completely foreign to a girl who had moved freely amongst boys and young men at home“, wie Bolt notierte.³ Im Dezember 1911 kehrte sie nach Hause zurück, völlig erschöpft.³
Die Erholung dauerte Jahre. Lehmann arbeitete zunächst in einem Versicherungsmathematik-Büro. 1918 schrieb sie sich erneut an der Universität Kopenhagen ein und schloss 1920 als Magistra in Mathematik ab.³ Ab 1923 assistierte sie dem Professor für Versicherungsmathematik in Kopenhagen. Erst 1928 schloss sie ein weiteres Examen in Geodäsie ab, mit einer seismologischen Arbeit. Sie erhielt den Titel mag. scient.³
Vom Aktuariatsbüro ans Geodætisk Institut
1925 holte sie der Mathematiker Niels Erik Nørlund, Direktor der dänischen Gradmessung, als Assistentin. Mit drei jungen Männern installierte sie Seismographen in Kopenhagen. Keiner aus dem Team hatte je zuvor einen gesehen. Außerdem bereiteten sie Stationen in Grönland vor.³ Seismologie lernte Lehmann sich nebenbei selbst bei. Im Sommer 1927 wurde sie für drei Monate ins Ausland geschickt. Sie blieb einen Monat bei Beno Gutenberg in Darmstadt. Dazu kamen kurze Besuche bei Tams in Hamburg, Rothe in Strasbourg, van Dijk in De Bilt und Somville in Uccle.³
Über diese Lehrzeit schrieb sie später: *„I began to do seismic work and had some extremely interesting years … He gave me a great deal of his time and invaluable help.“*³ Gutenberg hatte bereits 1914 die Mantel-Kern-Grenze in rund 2.900 km Tiefe bestimmt. Er blieb ihr lebenslang verbunden.³
1928 wurde Lehmann als erste Frau dänische Staatsgeodätin. Sie leitete die neu geschaffene seismologische Abteilung am Königlich Dänischen Geodätischen Institut.³ Sie verantwortete die Station in Kopenhagen sowie die Stationen Ivigtut und Scoresbysund in Grönland. 25 Jahre lang betrieb sie diese fast im Alleingang.³
Was hat Inge Lehmann in der Seismologie entdeckt?
Die zentrale Frage der Seismologie hieß in den 1920er Jahren: Wie sieht das Erdinnere aus, das niemand sehen kann? Die Antwort liegt in den Wellen, die Erdbeben durch unseren Planeten schicken.
Primärwellen (P-Wellen) durchqueren als Druckwellen sowohl feste wie flüssige Schichten. Sekundärwellen (S-Wellen) sind Scherwellen – sie laufen nur durch festes Gestein. Schon Richard Oldham und Beno Gutenberg hatten gezeigt: Hinter etwa 105 Grad Entfernung zum Bebenherd entsteht eine sogenannte Schattenzone. Dort kommen keine direkten P-Wellen mehr an, weil sie am flüssigen äußeren Kern abgelenkt werden. Das galt als Beweis: Der Kern muss flüssig sein.¹
Trotzdem registrierten Seismographen in dieser Schattenzone schwache Signale, die niemand erklären konnte. Einige Forscher führten sie auf Beugung an der Kernkante zurück. Doch die Theorie wackelte.
Was entdeckte Inge Lehmann 1936?
Lehmann sah die Daten anders. Sie arbeitete mit den Aufzeichnungen großer pazifischer Beben. Besonders wichtig war ihr das Erdbeben in Neuseeland am 16. Juni 1929. Europäische Stationen hatten es gut erfasst.³ Auf den Seismogrammen zweier nördlicher Stationen erkannte sie deutliche Einsätze.³ Diese passten zur Phase PKP – also zu Primärwellen, die durch den Kern liefen.³
Ihre Idee war ein vereinfachtes Schichtmodell. Der Mantel sollte eine konstante P-Geschwindigkeit von 10 km/s haben, der äußere Kern 8 km/s. Im Zentrum nahm sie eine weitere Kugel an, mit 10 km/s und einem Radius von rund 1.400 km.³ Mit elementarer Trigonometrie zeigte sie: An dieser inneren Grenze müssen die Wellen gebrochen werden. Das erklärte die Signale in der Schattenzone. Auf Beugung musste niemand mehr zurückgreifen.
1936 veröffentlichte sie diese Idee in einer Arbeit mit dem knappen Titel „P′“. Die Publikation erschien in den Publications du Bureau Central Séismologique International (Serie A, Band 14, Seiten 87–115).¹ Der Schlusssatz fiel zurückhaltend aus. Lehmann schrieb: *„A hypothesis will be here suggested which seems to hold some probability, although it cannot be proved from the data at hand.“*³
Beno Gutenberg und Charles Richter bestätigten Lehmanns Hypothese 1938, Harold Jeffreys 1939.³ 1962 lieferte Bruce Bolt den ersten direkten neuen Beleg für eine scharfe Grenze. 1970 beobachteten Engdahl, Flinn und Romney am Lamont-Doherty-Observatory die Reflexion PKiKP eindeutig.³ Lehmanns Modell wurde 1981 im Preliminary Reference Earth Model endgültig konsolidiert.³
Aufbau der Erde: Welche Schichten Lehmann mit ihrer Entdeckung neu sortierte
Mit Lehmanns Arbeit war klar: Die Erde besteht nicht aus drei, sondern aus vier mechanischen Einheiten. Diese sind Kruste, Mantel, äußerer flüssiger Kern und fester innerer Kern. Heute gliedert die Geophysik den Planeten in folgende Hauptschichten.
1. Lithosphäre (0–100 km) – die feste Außenhaut
Stellen wir uns die Erde wie einen riesigen Pfirsich vor, dann ist die Lithosphäre seine dünne, harte Schale. Sie umfasst die Erdkruste und den obersten Teil des darunterliegenden Mantels und ist unter den Ozeanen rund 50 km dünn, unter den Kontinenten bis zu 110 km dick. Unter sehr alten Gebirgen kann sie sogar 250 km tief hinabreichen. Diese Schale ist nicht aus einem Stück: Sie ist in etwa ein Dutzend große Platten zerbrochen, die wie Eisschollen auf einem zähen Untergrund treiben – langsam zwar, nur ein paar Zentimeter pro Jahr, aber genug, um über Jahrmillionen ganze Kontinente zu verschieben und Gebirge wie den Himalaya aufzufalten. Den Übergang von der Kruste zum Mantel entdeckte 1909 der kroatische Forscher Andrija Mohorovičić. Ihm zu Ehren heißt diese Grenze heute Mohorovičić-Diskontinuität oder kurz „Moho“.
2. Asthenosphäre (rund 100–200 km) – das Gleitlager
Direkt unter der starren Schale liegt eine Schicht, die sich verhält wie weicher Karamell oder zäher Honig: fest, aber langsam fließfähig. Das Gestein ist hier rund 1.300 °C heiß und zu einem winzigen Anteil – ein bis zwei Prozent – aufgeschmolzen. Genau dadurch wird die Asthenosphäre zum „Schmierfilm“ der Erde: Auf ihr können die starren Platten überhaupt erst gleiten. Ohne sie gäbe es keine Kontinentaldrift, keine Erdbeben an Plattenrändern und keine Vulkanketten.
3. Oberer Mantel (bis 660 km) – fest trotz Glut
4. Unterer Mantel (660–2.890 km) – das massive Herzstück
Mit über 2.000 km Dicke ist der untere Mantel die mit Abstand mächtigste Schicht der Erde. Hier herrschen Drücke, die das Eineinhalbmillionenfache des Luftdrucks an der Erdoberfläche erreichen, und am unteren Ende klettern die Temperaturen auf rund 3.500 °C. Trotzdem ist alles fest – die exotischen Hochdruckmineralien Bridgmanit und Ferroperiklas halten dem stand. Erst ganz unten, kurz vor dem Erdkern, gibt es eine merkwürdige Zone (D″-Schicht), in der seismische Wellen sich seltsam verhalten. Forscher vermuten dort sowohl die „Wurzeln“ gewaltiger heißer Aufstromsäulen, die später als Vulkaninseln wie Hawaii an der Oberfläche austreten, als auch die „Friedhöfe“ alter ozeanischer Platten, die im Lauf der Erdgeschichte bis ganz nach unten gesunken sind.
5. Äußerer Kern (2.890–5.150 km) – ein Ozean aus flüssigem Eisen
Hier endet das Reich des Gesteins. Was folgt, ist eine etwa 2.260 km dicke Schicht aus flüssigem, glühendem Eisen, vermischt mit Nickel und einer Prise leichterer Stoffe. Diese Metallschmelze ist ständig in Bewegung – sie strömt, wirbelt und wird durch die Erdrotation in Schraubenbahnen gezwungen. Wie ein gigantischer Dynamo erzeugt sie dabei das Erdmagnetfeld, ohne das es weder Kompasse noch einen wirksamen Schutz vor dem Sonnenwind gäbe. Dass dieser Bereich flüssig ist, wussten Forscher schon vor Inge Lehmann: Bestimmte Erdbebenwellen – die sogenannten S-Wellen, die nur feste Körper durchdringen können – verschwinden hier einfach, als würden sie an eine Wand stoßen.¹
7. Innerer Kern (ab 5.150 km bis zum Erdmittelpunkt in 6.371 km) – Lehmanns Entdeckung
Lange dachte man, das Innere der Erde sei komplett flüssiges Metall. Doch 1936 fiel der dänischen Seismologin Inge Lehmann auf, dass einige Erdbebenwellen aus einer Tiefe zurückkamen, aus der eigentlich nichts mehr hätte kommen dürfen. Ihre Schlussfolgerung: Im Zentrum unseres Planeten muss eine feste Kugel sitzen.¹ Heute wissen wir, dass dieser innere Kern aus einer Eisen-Nickel-Legierung besteht, etwa so groß ist wie der Mond und um die 5.500 °C heiß – heißer als die Oberfläche der Sonne. Dass er trotzdem fest ist, liegt am unvorstellbaren Druck im Erdmittelpunkt, der die Atome regelrecht zur Ordnung zwingt. Faszinierend: Der innere Kern wächst. Jedes Jahr kristallisiert ein winziger Teil des äußeren Kerns an seiner Oberfläche aus – ein Vorgang, der wiederum hilft, das Magnetfeld der Erde am Laufen zu halten. Lehmanns Entdeckung war damit nicht nur eine Sensation der 1930er Jahre, sondern legte den Grundstein für ein Forschungsfeld, das bis heute lebendig ist.
Innerer Erdkern: Zustand, Material, Tiefe, Durchmesser
Der innere Erdkern beginnt rund 5.150 Kilometer unter der Oberfläche und reicht bis zum Erdmittelpunkt in 6.371 Kilometern. Sein Radius beträgt heute akzeptiert 1.221 km, sein Durchmesser also rund 2.442 km.⁵ Die Dicke der inneren Kugel entspricht damit etwa zwei Drittel des Mondradius.
Sein Aggregatzustand ist fest. Das klingt paradox, denn die Temperatur an seiner Oberfläche liegt bei rund 5.400 °C – nahe der Sonnenoberfläche.⁵ Doch der Druck im Erdzentrum ist so enorm, dass Eisen kristallin bleibt. Es liegt damit weit über seinem normalen Schmelzpunkt.
Beim Material dominiert eine Eisen-Nickel-Legierung. Rund 80 % Eisen und bis zu 10 % Nickel bilden den Grundstoff. Dazu kommen kleine Anteile leichterer Elemente wie Silizium, Sauerstoff oder Schwefel.⁵ Vermutlich liegt das Eisen als ε-Phase in hexagonal dichtester Kugelpackung vor.⁵
Der feste Kern wächst langsam. Pro Jahr friert etwa ein Millimeter Eisen aus dem flüssigen äußeren Kern an seiner Oberfläche fest. Dabei wird Energie frei, die den Geodynamo speist.⁵
Rotiert der innere Erdkern noch?
Eine der spannendsten offenen Fragen der modernen Geophysik betrifft die Rotation des inneren Erdkerns. Er schwimmt frei im flüssigen äußeren Kern. Deshalb kann er sich relativ zum Mantel anders drehen als der Rest des Planeten.
2023 veröffentlichten Yi Yang und Xiaodong Song in Nature Geoscience eine Auswertung wiederkehrender seismischer Wellen seit den 1990er Jahren. Sie zeigten: Die Differenzrotation des inneren Kerns gegenüber dem Mantel ist um 2009 fast zum Stillstand gekommen. Seither bewegt sie sich sogar leicht in die andere Richtung.⁶ Die Forscher deuten das als Teil einer rund 70 Jahre langen Oszillation. Diese Oszillation hängt mit Schwankungen der Tageslänge und des Erdmagnetfelds zusammen.⁶
Der Erdkern dreht sich also nicht im wörtlichen Sinne „nicht mehr“. Er schwingt langsam vor und zurück. Auswirkungen auf den Alltag der Menschen sind kaum spürbar. Tageslänge variiert um Tausendstelsekunden, das Magnetfeld ändert sich geologisch langsam.⁶
Lehmann-Diskontinuität: Ein Name, zwei Grenzen
Die Bezeichnung „Lehmann-Diskontinuität“ sorgt bis heute für Verwirrung, denn sie steht für zwei verschiedene Strukturen.
Klassisch und am häufigsten benutzt: eine seismische Diskontinuität in rund 220 km Tiefe im oberen Erdmantel. Hier erhöhen sich die Geschwindigkeiten von P- und S-Wellen abrupt um 2 bis 6 Prozent.⁷ Lehmann beschrieb diese Struktur 1959 und 1961 anhand sorgfältig ausgewerteter europäischer Stationen. Die Grenze ist vor allem unter Kontinenten zu sehen, kaum unter Ozeanen. Ihre Ursache wird noch diskutiert. Wahrscheinlich liegt ein Wechsel im Verformungsverhalten des Mantelgesteins vor.⁷
Bruce Bolt schlug 1987 vor, den Namen stattdessen der Grenze zwischen äußerem und innerem Erdkern zuzuordnen.³ Diese Grenze in 5.150 km Tiefe ist Lehmanns eigentliche Entdeckung von 1936. In der Fachliteratur ist allerdings die obere Verwendung üblich geblieben. Die innere Kerngrenze heißt heute meist Inner Core Boundary (ICB).
Eine Frau in der Männerwelt der Geophysik
Als Lehmann 1928 in das neu gegründete Geodætisk Institut eintrat, war sie die einzige weibliche Wissenschaftlerin am Haus.² Dänische Universitäten hatten Frauen erst seit 1875 zum Studium zugelassen, und in der Seismologie blieb sie jahrzehntelang ein Solitär. Sie heiratete nicht und bekam keine Kinder. Bolt vermerkt nüchtern, dass sie sportlich aktiv war, gerne in den Alpen und norwegischen Bergen wanderte und Ski lief.³
Ihre Frustration über männliche Kollegen behielt sie nicht für sich. Ihr Großcousin Nils Groes überlieferte einen Satz: *„You should know how many incompetent men I had to compete with – in vain.“*³ Das „in vain“ bezieht sich auf die männlichen Konkurrenten. Sie versuchten vergebens, ihr das Wasser zu reichen. Genau hier wird die Pointe in deutschen Übersetzungen oft verdreht.
Späte Karriere: 30 Jahre Forschung nach der Pensionierung
1953 ging Lehmann mit 65 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand. Damit begann eigentlich erst ihre produktivste Phase. Maurice Ewing lud sie 1952 ans Lamont Geological Observatory der Columbia University ein. Über 17 Jahre verteilt forschte sie dort rund 40 Monate.³ Sie reiste zudem ans Caltech in Pasadena, ans Dominion Observatory in Ottawa und mehrfach nach Berkeley.³
In dieser Zeit beschrieb sie die obere Mantel-Diskontinuität in 220 km Tiefe. Außerdem arbeitete sie an der 400-km-Diskontinuität. Ihre Methode galt schon Zeitgenossen als Kunst. Francis Birch nannte sie in seiner Bowie-Medaillen-Laudatio von 1971 eine *„master of a black art for which no amount of computerization is likely to be a complete substitute.“*³ Nils Groes erinnerte sich an Lehmann an ihrem Gartentisch in Søbakkevej. Dort sortierte sie Haferflocken-Kartons voller handgeschriebener Karten zu Erdbeben weltweit. Aus diesen Daten leitete sie Erdkrustenmodelle ab.³
Anerkennung & Auszeichnungen von Inge Lehmann
Inge Lehmann wurde im Laufe ihres Lebens und auch posthum vielfach für ihre wissenschaftlichen Leistungen in der Seismologie und Geophysik ausgezeichnet. Die Ehrungen reichen von nationalen und internationalen Preisen über akademische Ehrenmitgliedschaften bis hin zu nach ihr benannten Auszeichnungen und wissenschaftlichen Förderprogrammen.³ ⁸ ⁹ ¹⁰ ¹¹
Preise und Medaillen
- Tagea Brandt Rejselegat (1938, 1967): Dänischer Wissenschafts- und Reisepreis für herausragende Forscherinnen.
- Harry Oscar Wood Award der Carnegie Institution for Science (1960): Für bedeutende Beiträge zur Seismologie.
- Emil Wiechert Medal der Deutsche Geophysikalische Gesellschaft (1964): Höchste Ehrung der DGG für Geophysik.
- Goldmedaille der Königlich Dänische Akademie der Wissenschaften (1965): Nationale Spitzenauszeichnung für wissenschaftliche Leistungen.
- Medal of the Seismological Society of America (1977): Höchste Ehrung der US-Seismologengesellschaft.
- William Bowie Medal der American Geophysical Union (1971): Als erste Frau überhaupt; für grundlegende Beiträge zur Geophysik und kollegiale Forschungsarbeit.
Ehrendoktorwürden
- Ehrendoktorwürde der Columbia University (1964).
- Ehrendoktorwürde der Universität Kopenhagen (1968).
Mitgliedschaften
- Auswärtiges Mitglied der Royal Society (1969).
Posthume Ehrungen
- Asteroid (5632) Ingelehmann (1993): Benannt kurz nach ihrem Tod; entdeckt von Carolyn Shoemaker und Eugene Shoemaker am Palomar Observatory.
- Inge Lehmann Medal der American Geophysical Union (seit 1995): Für herausragende Forschung zu Erdmantel und Erdkern.
- Inge-Lehmann-Program des Independent Research Fund Denmark (seit 2021): Förderung früher Forschungskarrieren und Verbesserung der Geschlechterbalance in der Wissenschaft.
Wo lebte Inge Lehmann?
Lehmann lebte ihr Leben fast vollständig in Kopenhagen, fünfzig Jahre davon an der Kastelvej im Stadtteil Østerbro. Daneben verbrachte sie Sommer in ihrem Haus an der Søbakkevej nördlich der Stadt, wo sie auch ihren berühmten Hafergrütze-Karton-Datenarchiv pflegte.³ Ihre Forschungsaufenthalte führten sie regelmäßig in die USA, vor allem nach Palisades (Lamont-Doherty), Pasadena, Berkeley und Ottawa.³
Berühmte Zitate von Inge Lehmann
Aus Briefen, Nachrufen und autobiografischen Notizen sind mehrere Sätze überliefert.
Über ihre Eltern und das Lernen:
- „They could not be expected to understand, I suppose, that I should have been stronger if I had not been so bored with school work.“⁴
- Sinngemäß: Sie hätte gesünder sein können, wenn die Schule sie nicht gelangweilt hätte.
Über die Schule von Hanna Adler:
- „No difference between the intellect of boys and girls was recognized.“³
- Sinngemäß: Niemand machte zwischen dem Verstand von Mädchen und Jungen einen Unterschied.
Aus der Hypothese eines inneren Kerns in „P′“ von 1936:
- „We take it that, as before, the Earth consists of a core and a mantle, but that inside the core there is an inner core in which the velocity is larger than in the outer one.“¹
- Sinngemäß: Innerhalb des Kerns liegt ein zweiter Kern. In ihm laufen die Wellen schneller.
Über männliche Kollegen, festgehalten von ihrem Großcousin Nils Groes:
- „You should know how many incompetent men I had to compete with – in vain.“
- Sinngemäß: Sie hatte im wissenschaftlichen Umfeld häufig mit fachlich unterlegenen männlichen Kollegen zu kämpfen, deren Konkurrenz sich letztlich als wenig sinnvoll oder erfolgreich erwies.
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Bildquellen
- Inge Lehmann — Foto: Even Neuhaus (1863–1946).
Lizenz: Public Domain.
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Anpassungen: Hintergrund entfernt.
Textquellen
- Lehmann, Inge: „P'“. Publications du Bureau Central Séismologique International, Série A, Band 14, 1936, S. 87–115. Harvard EPS – Originaltext und Auszüge
- American Geophysical Union: „Inge Lehmann (1888–1993)“. AGU Honors
- Bolt, Bruce A.: „Inge Lehmann 13 May 1888 – 21 February 1993“. Biographical Memoirs of Fellows of the Royal Society, Band 43, 1997, S. 287–301. CWP Archive UCLA
- Dyekjær Eriksen, Marie: „Inge Lehmann and the interior of the Earth“. Niels Bohr Institute, University of Copenhagen, 11. September 2014. Niels Bohr Institute
- „Earth’s inner core“. Wikipedia (englisch)
- Yang, Yi und Xiaodong Song: „Multidecadal variation of the Earth’s inner-core rotation“. Nature Geoscience, Band 16, 2023, S. 182–187. Nature Geoscience
- „Lehmann discontinuity“. Wikipedia (englisch)
- Birch, Francis: „Thirty-third presentation: William Bowie Medal to Inge Lehmann“. Eos, Transactions American Geophysical Union, Band 52, Heft 7, 1971, S. 537. Wiley Online Library
- IAU Minor Planet Center: „(5632) Ingelehmann“. Minor Planet Center
- American Geophysical Union: „Inge Lehmann Medal“. AGU Honors
- Independent Research Fund Denmark: „The Inge Lehmann Programme“. DFF






































