Ellen Johnson Sirleaf
Liberianische Friedensnobelpreisträgerin & erste gewählte Präsidentin Afrikas
* 29. Oktober 1938 Monrovia, Liberia
† - -

Wer ist Ellen Johnson Sirleaf?
Ellen Johnson Sirleaf, geboren am 29. Oktober 1938 in Monrovia, ist eine liberianische Ökonomin und Politikerin. Von 2006 bis 2018 regierte sie als Präsidentin Liberias. Damit war sie das erste demokratisch gewählte weibliche Staatsoberhaupt Afrikas. 2011 erhielt sie den Friedensnobelpreis.¹
Ausgebildet in Harvard, arbeitete sie für die Weltbank, die Citibank und die Vereinten Nationen. Unter zwei Diktaturen saß sie im Gefängnis und ging mehrfach ins Exil. Als Präsidentin baute sie ein vom Bürgerkrieg zerstörtes Land wieder auf und ließ Milliardenschulden streichen. Ihr Ruf als harte Verhandlerin trug ihr den Spitznamen „Iron Lady“ ein.²
Herkunft, Kindheit und Bildung
Ellen Eugenia Johnson kam am 29. Oktober 1938 in Monrovia zur Welt. Ihr Vater Jahmale Carney Johnson stammte aus einer armen Gola-Familie im ländlichen Bomi County. Er wurde zur Schule nach Monrovia geschickt und zog später ins Parlament ein. Damit war er der erste Liberianer aus einer indigenen Ethnie, den das Land in seine nationale Legislative wählte.¹
Ihre Mutter wuchs ebenfalls in Armut auf. Deren deutscher Vater musste Liberia während des Ersten Weltkriegs verlassen, weil das Land dem Deutschen Reich den Krieg erklärt hatte. Eine angesehene amerikanisch-liberianische Familie nahm das Mädchen daraufhin in Monrovia auf. Ellens Wurzeln verbanden so indigene, kreolische und europäische Linien – ein Spiegel der gespaltenen liberianischen Gesellschaft.¹
Von 1948 bis 1955 besuchte sie das College of West Africa, eine Vorbereitungsschule in Monrovia. Mit siebzehn heiratete sie 1956 James Sirleaf. Das Paar bekam vier Söhne. Zunächst arbeitete sie als Buchhalterin in einer Autowerkstatt.²
1961 ging sie mit ihrem Mann in die USA, um weiterzustudieren. Sie erwarb einen Associate Degree in Buchführung am Madison Business College in Wisconsin. 1970 folgte ein Bachelor in Volkswirtschaft an der University of Colorado Boulder. Zwischen 1969 und 1971 studierte sie an der Harvard Kennedy School und schloss mit einem Master of Public Administration ab.² Die Ehe zerbrach an der Gewalt ihres Mannes.
Vom Finanzministerium ins Exil
Nach Harvard kehrte Johnson Sirleaf nach Liberia zurück und trat in die Regierung von Präsident William Tolbert ein. Als Vize-Finanzministerin hielt sie eine vielbeachtete Rede vor der Handelskammer. Darin warf sie den Unternehmen des Landes vor, ihre Gewinne ins Ausland zu schaffen und so der Wirtschaft zu schaden. 1979 stieg sie zur Finanzministerin auf.²
Im April 1980 endete diese Phase abrupt. Master Sergeant Samuel Doe riss in einem Militärputsch die Macht an sich. Er ließ Tolbert ermorden und fast das gesamte Kabinett am Strand erschießen. Johnson Sirleaf nahm zunächst einen Posten an, kritisierte den Putschrat dann aber offen. Im November 1980 floh sie aus dem Land.¹
In Washington arbeitete sie für die Weltbank. 1981 wechselte sie als Vizepräsidentin des Afrika-Büros der Citibank nach Nairobi. Anschließend ging sie zur Equator Bank. So wurde aus der Ministerin eine international gefragte Finanzexpertin – eine Position, die ihr später politisches Gewicht verlieh.²
Gefängnis, Bürgerkrieg und der Bruch mit Charles Taylor
1985 kehrte Johnson Sirleaf zurück, um bei den Wahlen anzutreten. Eine Rede gegen das Doe-Regime brachte ihr Hausarrest und eine zehnjährige Haftstrafe wegen Aufwiegelung ein. Auf internationalen Druck hin begnadigte Doe sie. Sie gewann einen Senatssitz, lehnte ihn aber aus Protest gegen den Wahlbetrug ab.²
Nach einem Putschversuch im November 1985 nahmen Does Truppen sie erneut fest. Im Juli 1986 kam sie frei und floh später wieder in die USA. Diese Jahre prägten ihren Ruf als unbeugsame Gegnerin der Militärherrschaft.²
Zu Beginn des Ersten Liberianischen Bürgerkriegs 1989 unterstützte sie Charles Taylors Aufstand gegen Doe. Sie half, Geld zu sammeln, und gehörte zu den Gründern der National Patriotic Front of Liberia. Doch Taylors Brutalität stieß sie bald ab. Sie wandte sich von ihm ab – eine Entscheidung, für die sie später Reue zeigte.¹
1997 trat sie für die Unity Party gegen Taylor zur Präsidentschaftswahl an. Sie holte knapp zehn Prozent, Taylor rund 75 Prozent. Danach ging sie nach Abidjan in der Elfenbeinküste ins Exil. Erst der Sturz Taylors 2003 öffnete ihr den Weg zurück.¹
Wie Ellen Johnson Sirleaf die erste gewählte Präsidentin Afrikas wurde
Nach dem Zweiten Bürgerkrieg leitete Johnson Sirleaf zunächst die Kommission zur Regierungsreform. 2005 trat sie erneut als Kandidatin der Unity Party an. Im ersten Wahlgang lag sie hinter dem Fußballstar George Weah auf Platz zwei. In der Stichwahl drehte sie das Ergebnis und siegte mit 59 Prozent.¹
Am 23. November 2005 erklärte die Wahlkommission sie zur Siegerin. Damit war sie die erste Frau, die ein afrikanisches Land zur Präsidentin wählte. Ihre Amtseinführung am 16. Januar 2006 verfolgten ausländische Gäste wie US-Außenministerin Condoleezza Rice und First Lady Laura Bush.¹
Der Spitzname „Iron Lady“ begleitete sie dabei. Er verwies auf ihren Ruf, in Verhandlungen hart zu bleiben und sich von Drohungen nicht beugen zu lassen.
Was Ellen Johnson Sirleaf als Präsidentin erreichte
Liberia stand 2006 mit etwa 4,9 Milliarden US-Dollar in der Kreide.¹ Johnson Sirleaf machte den Schuldenabbau zur Priorität. Die USA erließen dem Land 2007 die fälligen 391 Millionen Dollar. Die G8 unter Kanzlerin Angela Merkel halfen beim Internationalen Währungsfonds nach. 2010 erreichte Liberia den Abschlusspunkt der HIPC-Initiative für hoch verschuldete arme Länder. Damit fielen die meisten Auslandsschulden weg.
Auch die Wirtschaft zog an. Der Staatshaushalt wuchs von 80 Millionen Dollar im Jahr 2006 auf über 670 Millionen Dollar bis 2012. Die Regierung warb Milliarden an ausländischen Investitionen ein.¹ Dennoch blieben Armut und Arbeitslosigkeit hoch.
Per Erlass machte sie die Grundschule kostenlos und verpflichtend. 2010 unterzeichnete sie das erste Informationsfreiheitsgesetz Westafrikas. Eine Wahrheits- und Versöhnungskommission sollte die Verbrechen der Bürgerkriege aufarbeiten.
Die härteste Prüfung kam 2014. Die Ebola-Epidemie tötete in Liberia tausende Menschen und brachte das schwache Gesundheitssystem an seine Grenzen. Johnson Sirleaf verhängte Quarantänen und holte internationale Hilfe ins Land. 2015 galt Liberia als ebolafrei.
2018 übergab sie das Amt an George Weah. Es war der erste friedliche demokratische Machtwechsel in Liberia seit über 70 Jahren. Diesen Übergang zählen viele zu ihrem wichtigsten Vermächtnis.
Friedensnobelpreis 2011
Im Oktober 2011 sprach das norwegische Nobelkomitee Johnson Sirleaf den Friedensnobelpreis zu. Sie teilte ihn mit ihrer Landsfrau Leymah Gbowee und der jemenitischen Journalistin Tawakkol Karman. Die Begründung: „für ihren gewaltlosen Kampf für die Sicherheit von Frauen und für das Recht der Frauen auf volle Teilhabe an der Friedensarbeit“.³
Die Auszeichnung kam vier Tage vor der Präsidentschaftswahl. Oppositionspolitiker nannten sie eine Einmischung in den Wahlkampf. Johnson Sirleaf bezeichnete den Zeitpunkt als Zufall. Sie gewann die Stichwahl, die die Opposition jedoch boykottierte.
Am 16. Januar 2012 leistete sie den Eid für ihre zweite Amtszeit. Der Preis verankerte zugleich eine Botschaft: dass Frieden ohne die Beteiligung von Frauen nicht zu halten ist.
Schattenseiten: Nepotismus und das Anti-Homosexualitäts-Gesetz
Johnson Sirleafs Bilanz hat dunkle Stellen. Kritiker warfen ihr Vetternwirtschaft vor, weil rund 20 Familienmitglieder Regierungsposten erhielten. Drei ihrer Söhne zählten dazu: Robert leitete die staatliche Ölgesellschaft, Charles bekleidete ein hohes Amt bei der Zentralbank, Stiefsohn Fombah führte den Geheimdienst.⁴
2019 klagte die Justiz ihren Sohn Charles an. Der Vorwurf lautete, er habe unrechtmäßig Banknoten im Wert von rund 75 Millionen Dollar drucken lassen. Ein Gericht sprach ihn mangels Beweisen frei.⁵
Auch in der Frage der Rechte homosexueller Menschen enttäuschte sie viele. 2012 verteidigte sie Liberias Strafgesetze gegen Homosexualität. „Wir mögen uns so, wie wir sind“, sagte sie und verwies auf traditionelle Werte.⁶ Ein Gesetz zur Entkriminalisierung unterschrieb sie nicht.
Hatte Ellen Johnson Sirleaf einen Ehemann und Kinder?
Mit siebzehn heiratete Ellen Johnson 1956 James Sirleaf. Aus der Ehe gingen vier Söhne hervor. Die Beziehung war von Gewalt geprägt, und das Paar ließ sich scheiden. Über ihre Söhne wurde sie Großmutter von zehn Enkelkindern. Eine Nichte ist die US-Schauspielerin Retta, bekannt aus der Serie „Parks and Recreation“.²
Zwei ihrer Söhne erlebten ihre späten Lebensjahre nicht mehr. James starb im Dezember 2021 mit 64 Jahren. Charles, der lange für die Zentralbank gearbeitet hatte, starb im Juni 2024 mit 68 Jahren.⁵ Beide waren ihrer Mutter in den öffentlichen Dienst gefolgt.
Die wichtigsten Zitate von Ellen Johnson Sirleaf
In ihrer Nobel-Vorlesung in Oslo nahm sie den Preis im Namen aller Frauen an:
„On behalf of all the women of Liberia, the women of Africa, and women everywhere in the world who have struggled for peace, justice and equality, I accept with great humility the 2011 Nobel Prize for Peace.“⁷
Auf Deutsch: „Im Namen aller Frauen Liberias, der Frauen Afrikas und der Frauen überall auf der Welt, die für Frieden, Gerechtigkeit und Gleichheit gekämpft haben, nehme ich mit großer Demut den Friedensnobelpreis 2011 an.“
Ihr bekanntester Satz stammt aus ihrer Rede zur Abschlussfeier in Harvard im Mai 2011:
„The size of your dreams must always exceed your current capacity to achieve them. If your dreams do not scare you, they are not big enough.“⁸
Auf Deutsch: „Die Größe eurer Träume muss euer derzeitiges Vermögen, sie zu verwirklichen, immer übersteigen. Wenn eure Träume euch keine Angst machen, sind sie nicht groß genug.“
Beide Sätze fassen ihre Haltung zusammen: Mut zur Größe und die Überzeugung, dass kein Frieden ohne Frauen Bestand hat.
Was macht Ellen Johnson Sirleaf heute?
Ellen Johnson Sirleaf lebt und ist im Juni 2026 87 Jahre alt. Nach ihrer Präsidentschaft gründete sie das Ellen Johnson Sirleaf Presidential Center for Women and Development. Dessen Flaggschiff ist die Amujae-Initiative. Sie bereitet afrikanische Frauen auf hohe politische Ämter vor. Inzwischen umfasst das Netzwerk 70 Leaderinnen aus 29 afrikanischen Ländern.⁹
Auszeichnungen begleiteten ihren Weg. 2007 verlieh ihr US-Präsident George W. Bush die Presidential Medal of Freedom.¹ 2017 erhielt sie den Mo-Ibrahim-Preis für herausragende afrikanische Regierungsführung.¹ Damit gehört sie zu den wenigen Staatsoberhäuptern, die diese Auszeichnung je bekamen.
Ihre Geschichte ordnet sich in eine kurze Liste weiblicher Staatsoberhäupter ein, die ihre Länder durch Krisen führten. Für viele bleibt Johnson Sirleaf der Beweis, dass eine Frau ein vom Krieg zerstörtes Land regieren und stabilisieren kann.
Häufig gestellte Fragen zu Ellen Johnson Sirleaf
Ellen Johnson Sirleaf erhielt den Friedensnobelpreis 2011. Das Nobelkomitee ehrte ihren gewaltlosen Einsatz für die Sicherheit von Frauen und deren Teilhabe an der Friedensarbeit. Gewürdigt wurde zugleich ihre Rolle beim Wiederaufbau Liberias nach zwei Bürgerkriegen.³
Ausgezeichnet wurde sie vor allem für Frieden, Frauenrechte und demokratische Stabilität. Neben dem Friedensnobelpreis verlieh ihr die USA 2007 die Presidential Medal of Freedom. 2017 folgte der Mo-Ibrahim-Preis für herausragende afrikanische Regierungsführung.¹
Ihre bekannteste Auszeichnung ist der Friedensnobelpreis 2011. Sie teilte ihn mit Leymah Gbowee und Tawakkol Karman. Hinzu kommen die Presidential Medal of Freedom (2007), der Indira-Gandhi-Preis (2012) und der Mo-Ibrahim-Preis (2017).¹
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Bildquellen
- United States Department of State, Public domain, via Wikimedia Commons
Textquellen
- „Ellen Johnson Sirleaf – Achievements, Nobel Peace Prize, & Facts“. Encyclopædia Britannica
- „Ellen Johnson Sirleaf – Profile“. Academy of Achievement
- „The Nobel Peace Prize 2011 – Press release“, 7. Oktober 2011. NobelPrize.org
- „Ellen Johnson Sirleaf responds to allegations of nepotism“, UpFront. Al Jazeera
- „Former CBL Deputy Governor, Charles Sirleaf, is Dead“, Juni 2024. Liberian Observer
- „Liberia’s President Sirleaf defends country’s anti-gay laws“, 20. März 2012. The Christian Science Monitor
- „Ellen Johnson Sirleaf – Nobel Lecture“, 10. Dezember 2011. NobelPrize.org
- „Text of Ellen Johnson Sirleaf’s speech“, 26. Mai 2011. Harvard Gazette
- „Fifteen Women. Fourteen Countries. One Shared Mission: Meet our Fifth Cohort of Amujae Leaders“. EJS Center




































