Astrid Lindgren

Schwedische Kinderbuchautorin, Tierschützerin & Kinderrechtsaktivistin

Geboren: 14. November 1907 in Näs bei Vimmerby, Småland, Schweden

Verstorben: 28. Januar 2002 in Stockholm, Schweden

Wer war Astrid Lindgren?

Es gibt wenige Namen in der europäischen Literaturgeschichte, die so selbstverständlich zum kulturellen Gedächtnis gehören wie der von Astrid Lindgren. Rund 170 Millionen verkaufte Bücher in über 100 Sprachen, Figuren, die Generationen geprägt haben, ein politisches Engagement, das öffentliche Debatten auslöste und Gesetzesentwicklungen beeinflusste. All das gehört zu einem Leben, das auf einem Bauernhof im schwedischen Småland begann und auf dem schwedischen 20-Kronen-Schein endete.

Doch wer nur die heitere Geschichtenerzählerin sieht, verkennt diese Frau. Astrid Lindgren war eine alleinerziehende Mutter in einer Zeit, in der das gesellschaftliche Ächtung bedeutete. Sie arbeitete während des Zweiten Weltkriegs in einer schwedischen Zensur- und Nachrichtenstelle, sie war politische Publizistin und Tierschützerin. Vor allem aber war sie eine Frau, die nie aufhörte, das Recht der Schwächsten einzufordern. Neben ihrem Schreiben baute sie als Lektorin bei Rabén & Sjögren über 24 Jahre lang die Kinderbuchabteilung eines kleinen, beinahe bankrotten Verlags zum führenden Kinderbuchverlag Skandinaviens auf. Auch diese Leistung wird bis heute unterschätzt.

Die Kindheit in Småland: Wo alles begann

Astrid Anna Emilia Ericsson kam am 14. November 1907 auf dem Hof Näs zur Welt, wenige Kilometer von der Kleinstadt Vimmerby entfernt. Ihr Vater Samuel August war Pfarrhofpächter, ihre Mutter Hanna eine warmherzige, pragmatische Frau. Mit dem älteren Bruder Gunnar und den jüngeren Schwestern Stina und Ingegerd erlebte Astrid eine Kindheit, die sie später als die Quelle all ihres Schreibens bezeichnete.

Was diese Kindheit so besonders machte, war eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Freiheit. Die Eltern erwarteten Mitarbeit auf dem Hof und Gehorsam, ließen ihren Kindern aber weite Räume zum Spielen, Klettern und Träumen. Stundenlang streiften die Geschwister durch Wälder und Wiesen, erfanden Geschichten, lasen sich gegenseitig vor. Die Liebesgeschichte der Eltern, die Lindgren später in der autobiografischen Erzählung „Samuel August von Sevedstorp und Hanna in Hult“ niederschrieb, wurde in Schweden zur Liebesgeschichte des Jahrhunderts gewählt. Diese Mischung aus Geborgenheit und Freiheit wurde zum Fundament ihres literarischen Universums. Die fiktive Welt von Bullerbü ist zwar eine literarische Verdichtung, aber sie wurzelt tief in der gelebten Kindheit auf Näs.

Schon als Schülerin fiel Astrid durch außergewöhnliche Aufsätze auf. Einer wurde in der Lokalzeitung Vimmerby Tidning veröffentlicht, woraufhin man sie die „Selma Lagerlöf von Vimmerby“ taufte. Doch die junge Astrid erschrak vor dem Vergleich. Wie sie später mit Ironie erzählte, fasste sie den festen Entschluss, niemals Schriftstellerin zu werden. Interessanterweise waren übrigens alle Geschwister der Familie Ericsson schreibbegabt. Bruder Gunnar publizierte mehrere Bücher, eine Schwester wurde Literaturübersetzerin, eine andere Journalistin.

Skandal, Einsamkeit und Selbstbestimmung

Mit 16 begann Astrid ein Volontariat bei der Vimmerby Tidning. Der Chefredakteur Reinhold Blomberg, ein verheirateter Mann mit sieben Kindern, wurde der Vater ihres ersten Kindes. Sie war 18 Jahre alt. In einer Kleinstadt wie Vimmerby war eine uneheliche Schwangerschaft in den 1920er Jahren gleichbedeutend mit gesellschaftlichem Ruin. Lindgren beschrieb diese Erfahrung später als „Schlangenhöhle“, der sie so schnell wie möglich entkommen musste.

Astrid floh nach Stockholm. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Sekretärin am Bar-Lock-Institut und brachte ihren Sohn Lars („Lasse“) im Dezember 1926 in Kopenhagen zur Welt. Die Klinik, das Rigshospitalet, war eine der wenigen in ganz Skandinavien, die Geburten nicht offiziell meldeten. Weil Astrid weder Geld noch ein stabiles Zuhause hatte, musste Lasse bei einer Pflegefamilie in Dänemark bleiben. Drei Jahre lang lebte die junge Mutter in Stockholm in einem möblierten Zimmer, mit wenig Geld und der ständigen Sehnsucht nach ihrem Kind.

Diese Jahre der Trennung prägten alles, was Lindgren später schrieb. Die Einsamkeit verlassener Kinder, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, das tiefe Bedürfnis nach Freiheit und Selbstbestimmung. All das findet sich in ihren Figuren wieder. In Mio, dem Jungen, der sich nach seinem Vater sehnt; in den Brüdern Löwenherz, die einander über den Tod hinaus nicht loslassen; in Rasmus, dem Jungen aus dem Waisenhaus, der sich nach einem Zuhause sehnt.

1928 fand Astrid eine Stelle beim Königlichen Automobilclub in Stockholm, wo Sture Lindgren als Bürovorsteher arbeitete. 1930 wurde Lasses Pflegemutter krank, woraufhin Astrid ihren Sohn endlich zu sich nach Stockholm holen konnte. Im darauffolgenden Frühling brachte sie ihn vorübergehend zu ihren Eltern nach Näs. Astrid und Sture heirateten 1931 und zogen gemeinsam mit Lasse in die Vulcanusgatan im Stockholmer Vasaviertel. Am 21. Mai 1934 wurde Tochter Karin geboren, jenes Mädchen, das einige Jahre später den Namen erfinden sollte, der Lindgrens Schicksal besiegelte.

Vom Schreibtisch der Zensurbehörde zur Schriftstellerin: Die 1940er Jahre

Bevor Astrid Lindgren zur Autorin wurde, durchlebte sie Jahre im Verborgenen. Ab 1937 arbeitete sie als Stenografin für den Kriminalistikprofessor Harry Söderman. Ab 1940 war sie in der Abteilung für Briefzensur einer schwedischen Nachrichtenstelle tätig. Diese Arbeit, die bis Kriegsende andauerte, verschaffte ihr Einblicke in das Weltgeschehen, die weit über das hinausgingen, was die Öffentlichkeit erfuhr.

Am 1. September 1939, dem Tag des deutschen Überfalls auf Polen, begann Lindgren mit ihren „Kriegstagebüchern“. Über 18 Bücher füllte sie mit Aufzeichnungen, Zeitungsausschnitten und persönlichen Reflexionen. Die Tagebücher wurden erst nach ihrem Tod unter dem Titel „Die Menschheit hat den Verstand verloren“ veröffentlicht (Ullstein, 2015). Sie zeigen eine nachdenkliche, politisch hellwache Beobachterin, die den Krieg von einer privilegierten, aber keineswegs teilnahmslosen Position aus verfolgte. In den Tagebüchern lässt sich die Entwicklung zur Schriftstellerin beobachten: Die Frau, die aus Notizen Literatur werden ließ, übte das Beobachten und Formulieren hier Nacht für Nacht.

Wie Pippi Langstrumpf entstand

Im Winter 1941 lag die siebenjährige Karin krank im Bett und bat ihre Mutter, ihr etwas zu erzählen. Der Name, den sie sich wünschte, war so absurd wie genial: Pippi Langstrumpf. Astrid begann zu erzählen. Von einem Mädchen, das allein lebt, stärker ist als alle Erwachsenen und sich von niemandem etwas sagen lässt.

Drei Jahre blieben diese Geschichten mündlich. Erst 1944, als Astrid selbst nach einem Sturz im Stockholmer Vasaparken mit einem verstauchten Fuß ans Bett gefesselt war, schrieb sie die Abenteuer nieder. Das Manuskript war ein Geburtstagsgeschenk für Karins zehnten Geburtstag. Gleichzeitig schickte Lindgren eine Abschrift an den Verlag Albert Bonniers Förlag. Die Antwort: Ablehnung.

Im selben Jahr gewann sie mit dem Mädchenbuch „Britt-Mari erleichtert ihr Herz“ den zweiten Preis bei einem Wettbewerb des Verlags Rabén & Sjögren. Ermutigt reichte sie das überarbeitete Pippi-Manuskript dort ein und gewann den ersten Preis. 1945 erschien „Pippi Langstrumpf“ in Schweden und wurde sofort zum Phänomen. Der Verleger Hans Rabén stellte Lindgren halbtags als Lektorin ein.

1949 brachte der Hamburger Verleger Friedrich Oetinger das Buch nach Deutschland, nachdem fünf andere Verlage es abgelehnt hatten. Die Reaktionen waren gespalten: Kinder liebten Pippi, Kritiker nannten sie „nicht normal“ und ein „schlechtes Vorbild“. Auch in der DDR waren Lindgrens Figuren dem Regime suspekt, doch die Faszination war stärker: Vier ihrer Bücher erschienen im Kinderbuchverlag Berlin, darunter „Mio, mein Mio“ (1960) und „Pippi Langstrumpf“ (1975). In einer BBC-Umfrage unter 177 Literaturexperten aus 56 Ländern wurde „Pippi Langstrumpf“ zum drittbesten Kinderbuch aller Zeiten gewählt, nach „Wo die wilden Kerle wohnen“ und „Alice im Wunderland“. Allein die Pippi-Bücher wurden laut Angaben der Astrid Lindgren Company in rund 80 Sprachen übersetzt, zuletzt 2025 auch in Nigerian Pidgin.

Astrid Lindgrens Bücher: Die Figuren und ihre Welten

Astrid Lindgrens Gesamtwerk umfasst 34 Bücher und 41 Bilderbücher. Was sie von anderen Kinderbuchautorinnen unterscheidet, ist die enorme Bandbreite ihrer Geschichten. Von der sonnendurchfluteten Bullerbü-Idylle bis zur existenziellen Düsternis der „Brüder Löwenherz“, von der Lausbubenkomik des Michel aus Lönneberga bis zur wilden Poesie der „Ronja Räubertochter“ durchmisst ihr Werk nahezu alle Tonlagen, die Literatur kennt. Fast jede ihrer Hauptfiguren trägt etwas Autobiografisches in sich, fast jede verhandelt auf ihre eigene Weise die großen Themen von Freiheit, Einsamkeit und Zugehörigkeit.

Pippi Langstrumpf: Das stärkste Mädchen der Welt

Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf lebt allein in der Villa Kunterbunt, zusammen mit ihrem Pferd Kleiner Onkel und dem Affen Herrn Nilsson. Ihr Vater, ein Seefahrer, ist verschollen (und wird in den späteren Bänden wiedergefunden). Pippi ist neun Jahre alt, stärker als jeder Erwachsene, besitzt einen Koffer voller Goldmünzen und lässt sich von niemandem etwas sagen.

Was Pippi so revolutionär machte, war nicht nur ihre körperliche Überlegenheit. Es war die Idee, dass ein Kind ohne elterliche Aufsicht glücklich und kompetent sein kann. Pippi braucht keine Erwachsenen, die ihr die Welt erklären. Sie braucht keine Schule, kein geregeltes Abendessen, keine Belehrungen. In einer Zeit, in der Kinderbücher braven Gehorsam predigten, war das eine Provokation. Für Millionen Kinder war es eine Befreiung.

Gleichzeitig ist Pippi keine bloße Anarchistin. Sie ist großzügig, einfühlsam und gerecht. Sie beschützt Schwächere, teilt ihr Geld mit den Nachbarskindern Tommy und Annika und hat ein untrügliches Gespür für Unrecht. Pippi ist ein feministisches Vorbild, lange bevor der Begriff Einzug in die Kinderliteratur hielt. Und sie ist dabei niemals belehrend, sondern einfach frei.

Michel aus Lönneberga: Der Junge, den alle unterschätzen

Michel lebt mit seiner Familie auf dem Hof Katthult im småländischen Lönneberga, irgendwann um 1900. Er ist ein blonder Junge mit blauen Augen und einem scheinbar unerschöpflichen Talent, Unfug anzustellen. Regelmäßig landet er deswegen im Tischlerschuppen, wo er zur Strafe Holzmännchen schnitzt. Sein Vater Anton hält ihn für ein hoffnungsloses Kind, während seine Mutter Alma ahnt, dass in dem Jungen mehr steckt.

Auf den ersten Blick ist Michel Slapstick. Doch unter der Oberfläche erzählt Lindgren die Geschichte eines Kindes, das von Erwachsenen systematisch unterschätzt wird. Michels Streiche sind nämlich keine Bosheiten. Sie entstehen aus Neugier, aus Impulsivität, aus dem Wunsch, die Welt zu verstehen. Und wenn es darauf ankommt, zeigt Michel das größte Herz von allen: Er rettet dem Knecht Alfred das Leben, indem er ihn mitten in einer Schneenacht durch den Wald zum Arzt bringt. Lindgren schrieb die Michel-Bücher zwischen 1963 und 1970. In Schweden heißt die Figur übrigens Emil. Der Name wurde für den deutschen Markt geändert, weil es dort bereits einen berühmten literarischen Emil gab (Erich Kästners „Emil und die Detektive“).

Die Kinder aus Bullerbü: Die Poesie des Alltäglichen

In einem winzigen Dorf mit nur drei Höfen leben sechs Kinder: Lisa, Bosse, Lasse, Britta, Inga und Ole. Sie spielen, streiten, erleben die Jahreszeiten und feiern Feste. Es passiert nicht viel in Bullerbü, und doch ist jeder Tag ein Abenteuer.

Die Bullerbü-Bücher (1947–1952) sind Lindgrens poetischste Werke. Sie erzählen von einer Kindheit, in der das Alltägliche zum Außergewöhnlichen wird: Heu einfahren, Kirschen pflücken, im See schwimmen, durch den Wald streifen. Die Geschichten basieren auf Lindgrens eigener Erinnerung an das Aufwachsen auf Näs. Dabei verklärt sie die Kindheit nicht. Es gibt Streit unter den Kindern, Eifersucht und Langeweile. Aber über allem liegt eine Wärme, die aus dem Vertrauen entsteht, dass die Welt ein guter Ort sein kann, wenn man Kindern Freiheit gibt. Die Bullerbü-Bücher wurden in Schweden zum Inbegriff einer glücklichen Kindheit. Der Begriff „Bullerbü“ ist in der deutschen Sprache sogar zum Synonym für ländliche Idylle geworden.

Ronja Räubertochter: Freiheit, Freundschaft und der Mut zum eigenen Weg

Ronja wird in einer Gewitternacht auf der Mattisburg geboren, als ein Blitz die Burg in zwei Hälften spaltet. Sie wächst als Tochter des Räuberhauptmanns Mattis auf, umgeben von Wilddruden, Graugnomen und der rauen Schönheit des schwedischen Waldes. Eines Tages trifft sie auf Birk, den Sohn des verfeindeten Räuberhauptmanns Borka. Zwischen den beiden Kindern entsteht eine Freundschaft, die stärker ist als der Hass ihrer Väter.

„Ronja Räubertochter“ (1981) war Lindgrens letzter großer Roman. In vielerlei Hinsicht ist es auch ihr reifstes Buch. Ronja ist kein braves Mädchen und keine Rebellin im Pippi-Stil. Sie ist ein Kind, das zwischen Loyalität gegenüber dem Vater und dem eigenen Gewissen wählen muss. Die Geschichte handelt von der Frage, ob Kinder das Recht haben, sich gegen die Überzeugungen ihrer Eltern zu stellen, wenn diese falsch sind. Lindgrens Antwort ist klar: Ja, das haben sie.

Der Roman wurde 1984 von Tage Danielsson verfilmt. 2024 und 2025 erschien eine neue Serienadaption auf Netflix in 12 Episoden, die Lindgrens Geschichte für ein neues Publikum zugänglich macht.

Die Brüder Löwenherz: Ein Buch gegen die Angst vor dem Tod

Karl Löwenherz, genannt Krümel, ist schwer krank. Sein älterer Bruder Jonathan erzählt ihm von Nangijala, einem Land, in das man nach dem Tod kommt. Als Jonathan bei einem Brand stirbt, um Krümel zu retten, wacht Krümel in Nangijala auf, wo die Brüder sich wiederfinden. Doch auch in Nangijala herrscht ein Tyrann, gegen den sie kämpfen müssen.

„Die Brüder Löwenherz“ (1973) ist Lindgrens philosophischstes Buch und zugleich ihr umstrittenstes. Bei Erscheinen löste der Roman eine parlamentarische Debatte im schwedischen Reichstag aus: Kritiker warfen Lindgren vor, den Freitod zu verherrlichen, weil die Brüder am Ende gemeinsam einen Sprung ins Ungewisse wagen. Lindgren selbst nannte das Buch ein „Trostbuch“. Sie hatte es für einen ihrer Enkel geschrieben, der große Angst vor dem Tod hatte. Als sie ihm die Geschichte vorlas, lächelte er und sagte: „Ja, wir wissen ja nicht, wie es ist, also kann es ja auch so sein.“ Lindgren wollte mit dem Buch keine Ermutigung zum Suizid geben. Sie wollte zeigen, dass die Liebe stärker sein kann als die Angst.

Mio, mein Mio: Die Sehnsucht nach dem verlorenen Vater

Bo Vilhelm Olsson, genannt Bosse, lebt als Pflegekind bei Pflegeeltern in Stockholm, die ihn nicht lieben. Eines Tages wird er in das ferne Land des Königs entrückt, wo er erfährt, dass er in Wirklichkeit Prinz Mio ist, der Sohn des Königs. Doch das Land wird von Ritter Kato bedroht, einem bösen Herrscher mit einem Herz aus Stein.

„Mio, mein Mio“ (1954) ist Lindgrens persönlichstes Märchen. Die Geschichte eines Kindes, das sich verzweifelt nach einem Vater sehnt, spiegelt unmittelbar Lindgrens eigene Erfahrung mit der Pflegefamilien-Trennung ihres Sohnes Lasse. Das Buch verbindet Elemente des klassischen Märchens mit einer emotionalen Tiefe, die unter die Oberfläche der Abenteuerhandlung dringt. Die Einsamkeit des kleinen Bosse auf den ersten Seiten gehört zum Eindringlichsten, was Lindgren je geschrieben hat.

Karlsson vom Dach: Eine Geschichte über Einsamkeit, verkleidet als Komödie

Lillebror ist das jüngste von drei Geschwistern und fühlt sich oft übersehen. Eines Tages fliegt ein kleiner, dicker Mann mit Propeller auf dem Rücken durchs Fenster. Karlsson, „ein Mann in seinen besten Jahren“, erklärt sich selbst zum besten der Welt in allem. Er ist eingebildet, rücksichtslos und gleichzeitig unwiderstehlich.

Die Karlsson-Bücher (1955–1968) sind auf den ersten Blick turbulente Komödien. Auf den zweiten erzählen sie von einem einsamen Kind, das sich einen Freund erfindet, der all die Aufmerksamkeit und Zuneigung liefert, die ihm im Alltag fehlen. Karlsson wurde besonders in Skandinavien und Russland zur Kultfigur. In Schweden ist die Figur fast so bekannt wie Pippi selbst.

Madita: Gerechtigkeitssinn in einer ungerechten Welt

Madita, mit vollem Namen Margareta Engström, wächst in den 1910er Jahren auf dem Gut Birkenlund auf. Sie stammt aus einer gutbürgerlichen Familie, hat eine lebhafte Fantasie und ein unbestechliches Gespür für Gerechtigkeit. Zusammen mit ihrer besten Freundin Abbe erlebt sie den Alltag eines Kindes, das die Widersprüche der Gesellschaft mit wachsenden Augen beobachtet.

„Madita“ (1960) und „Madita und Pims“ (1976) gehören zu Lindgrens politischsten Büchern. In „Madita und Pims“ entdeckt das bürgerliche Mädchen die Armut der Arbeiterfamilien in ihrer Umgebung. Lindgren lässt die soziale Ungerechtigkeit durch Kinderaugen erzählen, ohne zu moralisieren. Der Satz, in dem Maditas Vater ihr erklärt, was „die Hilflosigkeit der Armut“ bedeutet, ist einer der eindrücklichsten in Lindgrens Gesamtwerk.

Ferien auf Saltkrokan: Die Sehnsucht nach dem schwedischen Sommer

Die Familie Melkersson verbringt den Sommer auf einer kleinen Schäreninsel. Dort treffen sie auf Tjorven, ein selbstbewusstes kleines Mädchen mit einem großen Bernhardinerhund namens Bootsmann, und erleben einen Sommer voller Abenteuer, Natur und Gemeinschaft.

„Ferien auf Saltkrokan“ (1964) entstand ursprünglich als Fernsehserie, bevor Lindgren die Geschichte als Buch veröffentlichte. Es ist eines ihrer wärmsten Werke und fängt die Atmosphäre der schwedischen Schären so atmosphärisch ein, dass es zur literarischen Ikone des schwedischen Sommerurlaubs wurde. 2025 feierte eine Neuverfilmung unter dem Titel „Unsere Ferien auf Saltkrokan“ Deutschlandpremiere im ZDF.

Kalle Blomquist: Der Meisterdetektiv aus der Kleinstadt

Der dreizehnjährige Kalle lebt in der schwedischen Kleinstadt Lillköping und träumt davon, ein großer Detektiv zu werden. Zusammen mit seinen Freunden Anders und Eva-Lotta löst er tatsächlich echte Kriminalfälle.

Die Kalle-Blomquist-Trilogie (1946–1953) war Lindgrens bewusste Antwort auf Enid Blytons Detektivgeschichten, die sie für zu einfach gestrickt hielt. Lindgrens Kriminalabenteuer sind spannend, aber auch humorvoll und psychologisch nuancierter als die der britischen Konkurrenz. Kalle war eine von Lindgrens ersten populären Figuren und trug wesentlich dazu bei, ihren Ruf als vielseitige Autorin zu festigen.

Astrid Lindgren Bücher für Erwachsene

Obwohl Lindgren in erster Linie als Kinderbuchautorin bekannt ist, haben mehrere ihrer Werke eine Tiefe, die auch erwachsene Leserinnen und Leser unmittelbar anspricht. „Die Brüder Löwenherz“ und „Mio, mein Mio“ behandeln existenzielle Themen wie Tod, Einsamkeit und die Sehnsucht nach Geborgenheit auf eine Weise, die weit über typische Kinderliteratur hinausgeht.

Die posthum veröffentlichten Kriegstagebücher „Die Menschheit hat den Verstand verloren“ (Ullstein, 2015) sind ein erschütterndes Zeitdokument. Sie zeigen eine Astrid Lindgren, die man aus den Kinderbüchern nicht kennt: eine Frau, die den Zweiten Weltkrieg mit scharfem Blick verfolgte und dabei zwischen Empörung und Ohnmacht schwankte. Auf Basis der Kriegstagebücher kommt in 2026 der gleichnamige Film in die deutschen Kinos.


Auch „Das entschwundene Land“ (1975), ihre autobiografische Erzählung über die Kindheit in Småland, ist ein Buch für Erwachsene. Ebenso „Meine Kuh will auch Spaß haben“ (1990), das leidenschaftliche Plädoyer gegen die Massentierhaltung, das Lindgren gemeinsam mit der Tierärztin Kristina Forslund veröffentlichte.

Bücher für die Jüngsten: Empfehlungen ab 3 Jahre

Für Kinder ab drei Jahren eignen sich Lindgrens Bilderbücher hervorragend. „Lotta aus der Krachmacherstraße“ erzählt von einem eigenwilligen kleinen Mädchen, das beschließt, von zu Hause auszuziehen, weil ihr ein Pullover nicht passt. „Tomte Tummetott“ handelt von einem kleinen Wicht, der nachts über einen Bauernhof wacht und dabei große philosophische Fragen stellt. „Nils Karlsson-Däumling“ erzählt die poetische Geschichte eines einsamen Jungen und eines daumengroßen Wesens, das ihm Gesellschaft leistet.

Ab vier Jahren lassen sich „Die Kinder aus Bullerbü“ und die ersten Pippi-Geschichten wunderbar vorlesen. Die Tonie-Hörfiguren mit Lindgren-Hörspielen sind seit Jahren ein beliebter Einstieg für die Kleinsten.

Astrid Lindgrens Kinder und Familie

Was ist aus dem Sohn von Astrid Lindgren geworden?

Die Geschichte von Lars („Lasse“) Lindgren gehört zu den schmerzhaftesten Kapiteln in Lindgrens Leben. Als uneheliches Kind 1926 in Kopenhagen geboren, verbrachte er seine ersten Lebensjahre bei einer dänischen Pflegefamilie. 1930 wurde die Pflegemutter krank, woraufhin Astrid ihren Sohn endlich zu sich nach Stockholm holen konnte.

Lasse wuchs anschließend in Stockholm auf und führte ein eher zurückgezogenes Leben. Er starb 1986 im Alter von 59 Jahren an einem Gehirntumor. Astrid Lindgren bezeichnete seinen Verlust als den größten Kummer ihres Lebens. Die Erfahrung der frühen Trennung und des späten Verlusts durchzieht daher ihr Werk wie ein unterirdischer Strom: die Einsamkeit in „Mio, mein Mio“, die Todesangst in „Die Brüder Löwenherz“, die Sehnsucht nach Geborgenheit in „Rasmus und der Landstreicher“.

Tochter Karin Nyman: Die Frau hinter dem Namen Pippi

Karin Lindgren, geboren am 21. Mai 1934 in Stockholm, ist die Tochter von Astrid und Sture Lindgren. Mit sieben Jahren dachte sie sich den Namen „Pippi Langstrumpf“ aus und legte damit den Grundstein für die literarische Karriere ihrer Mutter. Karin heiratete 1958 den Übersetzer Carl Olof Nyman und wurde selbst Übersetzerin. Sie übertrug Werke aus dem Englischen, Französischen, Deutschen und Dänischen ins Schwedische. Die Ehe brachte vier Kinder hervor: Charles John, Malin, Nils und Olle. Letzterer ist heute Vorstandsvorsitzender des Unternehmens Saltkråkan AB (heute Teil der Astrid Lindgren Company), das den literarischen Nachlass seiner Großmutter verwaltet. Karin Nyman hat mit wichtigen Kenntnissen zu zahlreichen Dokumentationen über das Leben und Werk ihrer Mutter beigetragen.

Hat Astrid Lindgren Enkelkinder?

Ja. Über Tochter Karin hat Astrid Lindgren vier Enkelkinder. „Die Brüder Löwenherz“ entstand als Trostbuch für einen dieser Enkel, der große Angst vor dem Tod hatte. Auch Sohn Lasse hatte Kinder, über die weniger bekannt ist.

Astrid Lindgrens Mann

Sture Lindgren, den Astrid 1928 beim Königlichen Automobilclub kennenlernte, war ihr Ehemann von 1931 bis zu seinem Tod im Juni 1952. Er starb an den Folgen einer Leberzirrhose, ausgelöst durch Alkoholismus. Astrid Lindgren heiratete nie wieder. Sie lebte fortan allein in ihrer Wohnung in der Dalagatan 46 in Stockholm, einer Adresse, die in ganz Schweden bekannt wurde, und die sie trotz ihres wachsenden Reichtums nie gegen eine größere eintauschte. Ihr Tagesablauf folgte einem festen Ritual: Morgens schrieb sie ihre Bücher per Hand, im Bett liegend, bevor sie mittags in den Verlag Rabén & Sjögren ging, wo sie bis zu ihrer Pensionierung 1970 als Lektorin arbeitete.

Astrid Lindgren Filme: Von der Leinwand in die Herzen

Nahezu alle Geschichten Lindgrens wurden verfilmt. Insgesamt entstanden über 40 Spielfilme und zahlreiche TV-Serien. Die schwedischen Produktionen mit Regisseur Olle Hellbom aus den 1960er und 1970er Jahren prägten das Bild von Lindgrens Figuren nachhaltig: Inger Nilsson als Pippi Langstrumpf, Jan Ohlsson als Michel, die Verfilmungen der „Kinder von Bullerbü“. Auch „Ronja Räubertochter“ (1984) und „Die Brüder Löwenherz“ (1977) wurden zu Klassikern.

Viele dieser Filme entstanden als schwedisch-deutsche Koproduktionen und gehören in Deutschland fest zum Weihnachtsprogramm. Die ZDF-Mediathek und ARD-Dritte strahlen regelmäßig Lindgren-Filme aus. „Weihnachten mit Astrid Lindgren“ ist für viele Familien ein festes Ritual in der Adventszeit.

2018 kam mit „Astrid“ ein biografischer Spielfilm in die Kinos, der sich auf die jungen Jahre der Schriftstellerin konzentriert: die uneheliche Schwangerschaft, die Trennung von ihrem Sohn, den gesellschaftlichen Druck. Alba August wurde für ihre Darstellung der jungen Astrid international gelobt. 2025 feierte eine neue „Ronja Räubertochter“-Staffel auf Netflix Premiere. Ebenfalls 2025/2026 lief eine Neuverfilmung von „Ferien auf Saltkrokan“ im ZDF. In 2026 erscheint außerdem eine Dokumentation zu Astrid Lindgrens Kriegstagebüchern namens „Die Menschheit hat den Verstand verloren“.

Die politische Astrid Lindgren: Steuern, Tierschutz und der Mut zur Einmischung

Pomperipossa: Wie eine Kinderbuchautorin eine politische Krise auslöste

Am 10. März 1976 erschien in der schwedischen Abendzeitung Expressen ein satirisches Märchen mit dem Titel „Pomperipossa in Monismanien“. Die Autorin: Astrid Lindgren. Der Anlass: Durch eine Lücke in der schwedischen Steuergesetzgebung musste sie als Selbstständige sowohl Arbeitnehmer- als auch Arbeitgeberabgaben entrichten. Nach eigener Berechnung ergab sich daraus ein Grenzsteuersatz von über 100 Prozent.

Lindgren, die sich seit den 1930er Jahren als überzeugte Sozialdemokratin verstand und ihre Steuern nach eigener Aussage stets „voller Freude“ bezahlt hatte, fand diese Absurdität unerträglich. In ihrer Allegorie erzählt die fiktive Kinderbuchautorin Pomperipossa von einem Land, in dem man mehr abgeben muss, als man verdient. Die Geschichte elektrisierte ganz Schweden.

Der Finanzminister Gunnar Sträng reagierte herablassend: Lindgren solle sich doch besser auf Kinderbücher beschränken. Ein verhängnisvoller Fehler. Die öffentliche Debatte, die Lindgrens Artikel auslöste, begleitete den Regierungswechsel im September 1976, als die Sozialdemokraten nach 40 Jahren an der Macht abgewählt wurden. Ob und in welchem Maß Lindgrens Satire ursächlich dafür war, lässt sich nicht eindeutig belegen, doch ihr Beitrag zur Stimmung im Land ist unbestritten. Am Tag nach Lindgrens Tod gab Premierminister Göran Persson zu, dass sie mit ihrer Kritik wohl recht gehabt hatte. Lindgren-Spezialistin Lena Törnqvist vom Schwedischen Nationalarchiv kommentierte den Vorgang so: „Ich glaube nicht, dass Lindgren eine Revolution geplant hatte. Aber es gab eine.“

Das „Lex Lindgren“: Ein Tierschutzgesetz als Geburtstagsgeschenk

1985 erhielt Astrid Lindgren einen langen Brief der Tierärztin Kristina Forslund, die ihr in erschütternden Details die Zustände in schwedischen Schlachthöfen und Mastbetrieben schilderte. Lindgren, die als Bauerntochter das Verhältnis zwischen Mensch und Tier kannte, war entsetzt und antwortete sofort.

Was folgte, war eine jahrelange gemeinsame Kampagne. Lindgren und Forslund veröffentlichten im Expressen eine Serie von Artikeln über die Bedingungen in der industriellen Tierhaltung. Die Resonanz war enorm, denn plötzlich diskutierte ganz Schweden über Schweineboxen, Kälberställe und Hühnerkäfige.

Zum 80. Geburtstag Lindgrens am 14. November 1987 verkündete Premierminister Ingvar Carlsson die Verabschiedung eines neuen Tierschutzgesetzes. Es galt international als eines der strengsten seiner Zeit und wurde „Lex Lindgren“ getauft. Das Gesetz garantierte unter anderem Kühen das Recht auf Weide und Schweinen das Recht auf frisches Stroh. Lindgren selbst war allerdings nicht zufrieden. Das Gesetz war in ihren Augen in vielen Punkten verwässert worden. In einem Artikel vom März 1988 fragte sie: „Soll ich mich etwa geschmeichelt fühlen, weil dieses sinnlose Gesetz nach mir benannt wird?“ Kritiker aus der Politik nannten das Gesetz spöttisch „das Tantengesetz“. Eine Herabsetzung, die mehr über den Umgang der Politik mit engagierten Frauen verriet als über das Gesetz selbst.

„Niemals Gewalt!“: Die Rede, die beinahe nicht gehalten werden durfte

Als Astrid Lindgren 1978 als erste Kinderbuchautorin den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, erwarteten die Organisatoren eine charmante Dankesrede über Bullerbü und Pippi. Was Lindgren stattdessen einreichte, war ein leidenschaftliches Plädoyer gegen Gewalt in der Erziehung. Zu einer Zeit, als in Deutschland das elterliche Züchtigungsrecht noch gesetzlich verankert war.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels war alarmiert. Man legte der Preisträgerin nahe, den Preis einfach entgegenzunehmen, ohne Rede. Lindgren antwortete, sie werde entweder ihre Rede halten oder gar nicht erscheinen. Der Börsenverein lenkte ein.

Am 22. Oktober 1978 trat Astrid Lindgren in der Frankfurter Paulskirche ans Mikrofon und hielt die Rede „Niemals Gewalt!“ auf Deutsch, da sie die Sprache fließend beherrschte. Die Hälfte des Preisgeldes stiftete sie dem Münchener Projekt „Das fröhliche Krankenzimmer“ für Kinderbüchereien in Krankenhäusern, die andere Hälfte dem schwedischen Kinderhilfsprogramm „Rädda Barnen“ (Rettet die Kinder).

Die Rede wurde weltweit diskutiert. 1979 verabschiedete Schweden als eines der ersten Länder der Welt ein Gesetz, das körperliche Bestrafung von Kindern verbot. In Deutschland dauerte es bis zum Jahr 2000, bis mit dem „Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung“ ein vergleichbarer Schritt folgte. Der Einfluss von Lindgrens Rede auf diese Entwicklungen ist in der Forschung breit anerkannt.

Warum ist Astrid Lindgren umstritten?

So sehr Lindgrens Bücher geliebt werden: Einige ihrer älteren Werke enthalten rassistische Sprache, die reale Gewalt widerspiegelt. In den Originalausgaben der Pippi-Langstrumpf-Bücher wurden Schwarze Menschen mit einer rassistischen Fremdbezeichnung belegt, die historisch zur Entmenschlichung und Unterdrückung Schwarzer Menschen diente. Pippis Vater wurde als weißer Mann dargestellt, der über eine Insel mit Schwarzen Bewohnern herrscht, die ihn als König verehren. Dieses Motiv ist nicht harmlos und nicht „nur ein Produkt seiner Zeit“. Es reproduziert eine kolonialrassistische Fantasie, in der weiße Überlegenheit als natürliche Ordnung erscheint. Für Schwarze Kinder, die diese Bücher lesen, bedeutet das: In dieser Geschichte kommst du nur als Unterworfene vor.

Es ist wichtig, diese Darstellungen beim Namen zu nennen. Rassismus in Kinderbüchern ist besonders wirkmächtig, weil er Kindern ein Weltbild vermittelt, bevor sie die Werkzeuge haben, es kritisch zu hinterfragen. Wer mit Büchern aufwächst, in denen Schwarzsein mit Unterordnung verknüpft ist, internalisiert diese Bilder. Das gilt für weiße Kinder, die lernen, sich als Norm zu begreifen, ebenso wie für Schwarze Kinder, die sich in diesen Geschichten nicht als gleichwertig wiederfinden.

Der Oetinger-Verlag und die schwedischen Rechteinhaber haben rassistische Begriffe aus den Neuauflagen entfernt. Pippis Vater ist in den aktuellen deutschsprachigen Ausgaben nun „Südseekönig“. Diese Anpassungen waren überfällig. Kinderliteratur hat die Verantwortung, allen Kindern ein Leseerlebnis zu bieten, das frei von rassistischer Herabwürdigung ist. Sprache verändert sich, weil sich Gesellschaften verändern. Bücher, die für Kinder geschrieben sind, müssen diesen Wandel mittragen.

Dennoch verdient es Lindgrens Werk, differenziert betrachtet zu werden. Ihre starken Mädchenfiguren, ihre Kritik an autoritärer Erziehung, ihre Empathie für Außenseiter und Benachteiligte waren ihrer Zeit weit voraus. Die rassistischen Darstellungen in ihrem Frühwerk ernst zu nehmen, bedeutet nicht, Lindgrens Lebenswerk abzuwerten. Es bedeutet, es vollständig zu sehen.

Astrid Lindgrens Alter, Todesursache und letzte Jahre

Ab Mitte der 1980er Jahre zog sich Lindgren zunehmend vom Schreiben zurück. Seit 1981 kämpfte sie mit ernsten Sehproblemen, später kamen Hörprobleme hinzu. 1992 beendete sie das Schreiben endgültig. 1998 erlitt sie einen Schlaganfall, der Teile ihres Gedächtnisses beeinträchtigte. In ihren letzten Lebensjahren wurde sie in ihrer Stockholmer Wohnung von Krankenschwestern betreut.

1997 feierte sie ihren 90. Geburtstag. In einem Interview sagte sie, jetzt wolle sie sich vom Schreiben ausruhen. Im selben Jahr wurde sie in einer Umfrage der Zeitschrift Expressen zur „Schwedin des Jahres in der Welt“ gewählt. 1999 ernannte die Tageszeitung Aftonbladet sie zur „beliebtesten Schwedin des Jahrhunderts“.

Astrid Lindgren starb am 28. Januar 2002 im Alter von 94 Jahren in ihrer Wohnung in der Dalagatan. Die Todesursache war eine Virusinfektion, gegen die ihr geschwächter Körper nicht mehr ankämpfen konnte. Sie starb friedlich im Beisein ihrer Tochter Karin, ihrer Schwester Ingegerd, ihrer Enkel und engster Freundinnen.

Am 8. März 2002, dem Internationalen Frauentag, nahmen Tausende Menschen in Stockholm Abschied. Der Sarg wurde auf einem von Pferden gezogenen Wagen durch die Stadt gefahren, begleitet vom schwedischen Königspaar. Inger Nilsson, die Darstellerin der Pippi Langstrumpf, hielt eine Rede, die zu den bewegendsten Momenten der Trauerfeier gehörte. Dass die Beerdigung ausgerechnet auf den Weltfrauentag fiel, empfanden viele als passend für eine Frau, die ihr ganzes Leben für Gerechtigkeit und die Rechte der Schwächsten gekämpft hatte.

Ehrungen, Preise und das Erbe einer Jahrhundertfigur

Wie viele Astrid-Lindgren-Schulen gibt es in Deutschland?

Rund 200 Schulen in Deutschland tragen den Namen „Astrid-Lindgren-Schule“, von Grundschulen über Förderschulen bis hin zu weiterführenden Schulen, verteilt über das gesamte Bundesgebiet. Die erste wurde in Berlin-Spandau eröffnet, die erste nach ihr benannte Straße in Kiel-Mettenhof. Auch Hunderte Kindergärten und öffentliche Einrichtungen tragen ihren Namen.

Auszeichnungen

Astrid Lindgren erhielt im Laufe ihres Lebens über 100 Preise. Zu den wichtigsten gehören der Hans-Christian-Andersen-Preis (1958), der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1978), die Große Goldmedaille der Schwedischen Akademie für Literatur (1971), der Alternative Nobelpreis (Right Livelihood Award, 1994, für ihre „einzigartige Autorschaft, gewidmet den Rechten der Kinder und dem Respekt vor ihrer Individualität“) und der Leo-Tolstoi-Preis (1987). Ein Asteroid trägt seit 1996 ihren Namen: 3204 Lindgren. Als ihr das mitgeteilt wurde, soll sie gesagt haben: „Ab jetzt dürft ihr mich Asteroid Lindgren nennen.“ Seit 2015 ziert ihr Porträt die schwedische 20-Kronen-Banknote. Zwei schwedische Forschungssatelliten heißen Astrid 1 und Astrid 2. Die schwedische Regierung richtete 2003 in ihrem Gedenken den weltweit höchstdotierten Preis für Kinder- und Jugendliteratur ein: den Astrid Lindgren Memorial Award (ALMA), der mit fünf Millionen Schwedischen Kronen dotiert ist.

Obwohl Lindgren mehrfach für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wurde, erhielt sie ihn nie. Es bleibt eine der bemerkenswerten Leerstellen in der Geschichte des Nobelpreises, dass die meistübersetzte schwedische Autorin aller Zeiten diese Auszeichnung nicht bekam.

Astrid Lindgrens Welt in Vimmerby

In Vimmerby liegt der Themenpark „Astrid Lindgrens Värld“, den Lindgren am 1. Juli 1989 persönlich einweihte. Der Park ist kein herkömmlicher Freizeitpark, sondern ein Freilichttheater, in dem Szenen aus ihren Büchern nachgespielt werden. Besucher können durch die Villa Kunterbunt spazieren, Katthult besuchen oder die Krachmacherstraße erkunden. In Stockholm ergänzt das 1996 eröffnete Kinderbuchhaus „Junibacken“ das kulturelle Angebot mit einer interaktiven Ausstellung zu Lindgrens Werk. Der Hof Näs, Lindgrens Geburtshaus, ist ein Museum mit wechselnden Ausstellungen. Seit kurzem sind auch geführte Besuche in Lindgrens Stockholmer Wohnung in der Dalagatan 46 möglich, die inzwischen über eine 360-Grad-Fotografie auch digital zugänglich ist.

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Auch unvergessen:

Bildquellen

  • Foto: Unbekannter Fotograf, ca. 1960. Quelle: Wikimedia Commons. Gemeinfrei (Public Domain).

Textquellen

  • Andersen, Jens: Astrid Lindgren. Ihr Leben. Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg. München: DVA, 2015. ISBN 978-3-421-04726-6.
  • Dankert, Birgit: Astrid Lindgren. Eine lebenslange Kindheit. Darmstadt: Lambert Schneider/WBG, 2013. ISBN 978-3-650-25621-3.
  • Strömstedt, Margareta: Astrid Lindgren. Ein Lebensbild. Hamburg: Oetinger, 2001. ISBN 978-3-7891-4717-2.
  • Lindgren, Astrid: Niemals Gewalt! Mit einem Vorwort von Dunja Hayali. Hamburg: Oetinger, 2017. ISBN 978-3-7891-0789-4.
  • Lindgren, Astrid: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939–1945. Berlin: Ullstein, 2015. ISBN 978-3-550-08098-1.
  • Lindgren, Astrid / Forslund, Kristina: Meine Kuh will auch Spaß haben. Hamburg: Oetinger, 2019 (Neuausgabe). ISBN 978-3-7891-0902-7.
  • Gottschalk, Maren: Jenseits von Bullerbü. Die Lebensgeschichte der Astrid Lindgren. Weinheim: Beltz & Gelberg, 2006. ISBN 978-3-407-78921-0.
  • Lindgren, Astrid: Das entschwundene Land. Hamburg: Oetinger, 1977. ISBN 978-3-7891-2936-0.
  • Blume, Svenja / Kümmerling-Meibauer, Bettina / Nix, Angelika (Hrsg.): Astrid Lindgren: Werk und Wirkung. Frankfurt: Peter Lang, 2009. ISBN 978-3-631-57028-9.
  • Edström, Vivi: Astrid Lindgren: Im Land der Märchen und Abenteuer. Hamburg: Oetinger, 1997. ISBN 978-3-7891-3402-3.
  • Astrid Lindgren Company / astridlindgren.com – Offizielle Website mit Biografie, Werkverzeichnis und Zitatesammlung.
  • Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: Astrid Lindgren 1978. friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de.
  • Planet Wissen: „Astrid Lindgren: Das Tierschutzgesetz Lex Lindgren.“ planet-wissen.de.
  • Forslund, Kristina: Interview. In: VetJournal / Tierärzteverlag. tieraerzteverlag.at.
  • Nyman, Karin: Interview. In: taz, 21. März 2016. taz.de.
  • Hock, Sabine: „Lindgren, Astrid.“ In: Frankfurter Personenlexikon. frankfurter-personenlexikon.de.