Sister Rosetta Tharpe
Godmother of Rock 'n' Roll & Idol von Johnny Cash, Elvis & co
Geboren: 20.03.1915 in Cotton Plant, Arkansas, USA
Verstorben: 09.10.1973 in Philadelphia, Pennsylvania, USA

Wer war Sister Rosetta Tharpe?
1938. Eine 23-jährige Schwarze Frau betritt die Bühne des Cotton Club in Harlem, hängt sich eine Gitarre um den Hals und spielt Gospel so, wie es noch nie jemand gehört hat – mit verzerrtem E-Gitarrensound, Swing-Rhythmus und einer Energie, die den Raum elektrisiert. Zehn Jahre bevor Chuck Berry seinen ersten Akkord anschlägt. Fünfzehn Jahre bevor Elvis Presley zum ersten Mal vor einer Kamera steht. Sister Rosetta Tharpe erfindet in diesem Moment einen Sound, der die Welt verändern wird. Nur wird die Welt ihr dafür keinen Dank aussprechen.
Denn das ist der Widerspruch, der ihr ganzes Leben durchzieht: Chuck Berry soll gesagt haben, seine Karriere sei eine einzige Nachahmung von Rosetta Tharpe gewesen. Little Richard nannte sie seine größte Inspiration. Johnny Cash bezeichnete sie als seine liebste Sängerin seit Kindertagen. Elvis studierte ihr Gitarrenspiel. Jeder dieser Männer wurde zur Legende. Aber die Frau, die ihnen allen den Weg ebnete? Sie starb 1973 und lag 36 Jahre in einem unmarkierten Grab. Ihre Geschichte ist deshalb nicht nur die einer genialen Musikerin. Sie ist auch die Geschichte davon, wie die Musikindustrie Schwarze Frauen benutzt und dann vergisst.
Kindheit und Herkunft von Sister Rosetta Tharpe
Rosetta Nubin kam am 20. März 1915 in Cotton Plant, Arkansas, zur Welt. Ihre Eltern pflückten Baumwolle. Da niemand eine Geburtsurkunde ausstellte, blieb sogar ihr Vorname unklar – je nach Quelle hieß sie Rosa, Rosie Etta oder Rosabell. Ihr Vater Willis Atkins sang zwar, dennoch spielte er keine Rolle in ihrem Leben.
Umso prägender war ihre Mutter Katie Bell Nubin. Denn Katie Bell war Sängerin, Mandolinenspielerin und Predigerin der Church of God in Christ (COGIC). Diese Pfingstkirche erlaubte Frauen zu predigen – ein radikaler Schritt in einer Zeit, in der Schwarze Frauen fast überall zum Schweigen gebracht wurden. Katie Bell predigte auf Straßen und in Kirchen. Dabei begleitete ihre Tochter sie auf der Gitarre.
Bereits mit vier Jahren begann Rosetta zu singen und Gitarre zu spielen. Mit sechs trat sie als Teil einer reisenden Evangelistentruppe auf. Man pries sie als „singendes und Gitarre spielendes Wunder“ an. Mitte der 1920er-Jahre ließen sich Mutter und Tochter in Chicago nieder. Dort saugte Rosetta die Klänge des Blues und Jazz auf. Folglich verschmolz sie diese Einflüsse mit dem Gospelfeuer der Pfingstkirche – zu etwas völlig Neuem.
Von wem wurde Sister Rosetta Tharpe beeinflusst?
Tharpes Stil entstand nicht im luftleeren Raum. Vielmehr waren drei Einflüsse entscheidend. Erstens das Mandolinenspiel ihrer Mutter Katie Bell. Es prägte ihren Gitarrenstil – die Art, einzelne Töne und Melodien zu spielen statt bloßer Akkorde. Zweitens die blinde Pianistin Arizona Dranes, eine COGIC-Musikerin, die mit ihrem perkussiven, energischen Klavierspiel als eine der ersten Gospelkünstlerinnen überhaupt Platten aufnahm. Dranes‘ Fähigkeit, ihr Instrument als Erweiterung der Stimme zu nutzen, prägte Rosettas eigenes Gitarrenspiel zutiefst. Drittens der Blues-Musiker und spätere „Vater der Gospelmusik“ Thomas A. Dorsey, dessen Kompositionen Rosetta neu interpretierte.
Dazu kam die Musiklandschaft Chicagos: Delta Blues, New-Orleans-Jazz und die Swing-Szene der 1930er-Jahre. Alle diese Einflüsse schmolz Rosetta Tharpe zu einem Sound zusammen, den es so vorher nicht gab.
Warum wurde sie „Sister“ Rosetta Tharpe genannt?
Der Titel „Sister“ stammt aus der COGIC-Tradition. In afroamerikanischen Pfingstkirchen sprach man weibliche Mitglieder nämlich als „Sister“ an. Deshalb trug Rosetta diese Anrede schon als Kind.
Den Nachnamen „Tharpe“ übernahm sie hingegen von ihrem ersten Ehemann. 1934 heiratete die 19-Jährige den Prediger Thomas Thorpe. Die Ehe hatte ihre Mutter eingefädelt. Rosetta erkannte bald, dass sie für Thomas vor allem eine Einnahmequelle war. Sie verließ ihn 1938. Allerdings behielt sie eine abgewandelte Version seines Namens: Sister Rosetta Tharpe. Selbst der Name, unter dem sie berühmt wurde, war also das Erbe eines Mannes, der sie ausnutzte.
Der Durchbruch in New York (1938)
1938 zogen Rosetta und ihre Mutter nach New York City. Dort trat sie sofort im Cotton Club in Harlem auf – neben Cab Calloway. Eine Gospelsängerin auf einer Nachtclub-Bühne: Das war ein Tabubruch. Konservative Kirchenkreise reagierten mit Empörung. Doch Rosetta ließ sich davon nicht aufhalten.
Noch im selben Jahr nahm sie deshalb vier Titel für Decca Records auf – als erste Gospelkünstlerin bei einem großen Label. Die Songs „Rock Me“, „That’s All“, „My Man and I“ und „The Lonesome Road“ wurden sofort Hits. Außerdem spielte sie auf John Hammonds Konzert „From Spirituals to Swing“ in der Carnegie Hall. Sie war 23 Jahre alt und stand auf einer der wichtigsten Bühnen des Landes.
Danach trat Rosetta zudem im Apollo Theater auf – als erste Gospelsolistin in der Geschichte des Hauses. Dort gewann sie sogenannte „Guitar Battles“ gegen männliche Musiker. In einer Ära, in der Gitarrenkunst als rein männliche Domäne galt, war das deshalb ein Akt des Widerstands. Man machte ihr dabei das „Kompliment“, sie spiele „wie ein Mann“. Dass eine Frau schlicht besser spielen konnte als die meisten Männer – das sprengte allerdings die Vorstellungskraft. Sogar das Time Magazine berichtete damals über sie und darüber, wie sie dieselben Songs in der Kirche und im Nachtclub sang.
Zwischen Kirche und Nachtclub – die Jahre mit Lucky Millinder
1941 trat Rosetta offiziell der Swing-Band von Lucky Millinder bei, einem der beliebtesten Orchester der Ära. Der Vertrag enthielt jedoch eine Klausel, die sie zur Aufführung von zugewiesenem Material verpflichtete – und das kam nicht aus dem Gospelrepertoire. Plötzlich sang sie Songs wie „I Want a Tall Skinny Papa“, eine anzügliche Nummer, die weit entfernt war von ihren spirituellen Wurzeln. Teile ihrer Gospelfangemeinde reagierten entsetzt. Ira Tucker Jr. von den Dixie Hummingbirds sagte damals, es sei „eine Bombe auf die Gospelmusik“ gefallen.
Rosetta selbst war damit offenbar nicht glücklich. Ihre Freundin Roxie Moore erinnerte sich, Tharpe habe gesagt, sie fühle sich gezwungen, diese Songs zu singen. Biografin Gayle Wald bestätigte: Es sei unklar, ob Rosetta die Jazz-Texte wirklich singen wollte. Hier zeigt sich ein Muster, das sich durch ihr ganzes Leben zog: Männer – ob Ehemann oder Bandleader – bestimmten, was sie tun durfte. Dennoch gewann sie gerade in dieser Zeit eine riesige Fangemeinde. Jung, Schwarz und weiß – alle kamen, um sie spielen zu hören.
1943 verließ Rosetta Millinders Band ohne Vorwarnung. Sie kehrte zum Gospel zurück – aber auf ihre eigene Art. Fortan verband sie geistliche Texte mit ihrem unverkennbaren, vom Blues und Swing geprägten Gitarrensound. Ab jetzt diktierte niemand mehr, was sie spielte.
Im Zweiten Weltkrieg – V-Discs und ein Star an der Heimatfront
Während des Zweiten Weltkriegs stieg Rosettas Popularität weiter. Sie war so berühmt, dass sie als eine von nur zwei Schwarzen Gospelkünstlern „V-Discs“ aufnehmen durfte – Schallplatten, die eigens für die amerikanischen Soldaten im Ausland produziert wurden. Für afroamerikanische Soldaten, die in einem segregierten Militär gegen den Faschismus kämpften, war ihre Musik Trost und Identität zugleich.
Gleichzeitig tourte sie unter den Bedingungen der Jim-Crow-Gesetze unermüdlich durch die USA. Als Schwarze Künstlerin durfte sie in vielen Hotels nicht übernachten und in Restaurants nicht essen. Deshalb kaufte sie sich schließlich einen eigenen Tourbus. Es war, wie Gayle Wald schrieb, ihr Mittel, um „den Ausschlüssen und Demütigungen der Rassentrennung“ zu begegnen. Die Frau, die Stadien füllte, musste draußen essen.
Die Musik von Sister Rosetta Tharpe – Songs, die den Rock ’n‘ Roll erschufen
Rosetta nahm im Lauf ihrer Karriere insgesamt 17 Alben auf. Ihre Musik erstreckt sich dabei über drei Jahrzehnte. Dabei verband sie Gospel, Blues, Jazz und Swing. Die folgenden Songs zeigen, warum sie als Pionierin des Rock ’n‘ Roll gilt.
„Rock Me“ (1938)
Mit „Rock Me“ begann alles. Es war Rosettas erste Aufnahme für Decca Records. Der Song basiert auf Thomas A. Dorseys Gospelstück „Hide Me in Thy Bosom“. Allerdings verlieh Tharpe ihm Blues- und Jazz-Untertöne, die das Original kaum erkennen ließen. Bereits 1942 beschrieb der Musikkritiker Maurie Orodenker ihren Stil deshalb als „Rock and Roll Spiritual Singing“ – ein Jahrzehnt bevor der Begriff in den Mainstream gelangte.
„Strange Things Happening Every Day“ (1944)
„Strange Things Happening Every Day“: Das Lied, das Sister Rosetta Tharpe berühmt machte. Aufgenommen mit dem Pianisten Sammy Price, kam er auf Platz 2 der Billboard-Charts. Damit war er das erste Gospelstück in den populären Charts. Manche Forscher sehen ihn sogar als den allerersten Rock-’n‘-Roll-Song. Jerry Lee Lewis leitete seinen Klavierstil direkt von diesem Stück ab, wie der Historiker Peter Guralnick dokumentierte. Rockabilly-Pionier Sleepy LaBeef sah in Tharpe das „Fundament des Rock ’n‘ Roll“.
„Didn’t It Rain“ (Live 1964 in Manchester)
Dieses Stück wurde durch den legendären Auftritt in Manchester berühmt. Auf einem stillgelegten Bahnhof spielte Rosetta Tharpe im Regen vor jungen Briten – auf der einen Seite der Gleise die Band, auf der anderen das Publikum. Als es zu regnen begann, spielte sie „Didn’t It Rain“, als hätte der Himmel ihr das perfekte Bühnenbild geschenkt. Die Aufnahme wurde Jahrzehnte später zu einem der meistgesehenen Musikclips auf YouTube. Tatsächlich inspirierte dieser Moment die jungen Keith Richards und Eric Clapton.
„Up Above My Head“ (mit Marie Knight)
Diesen Song nahm Rosetta gemeinsam mit ihrer Partnerin Marie Knight auf. Das Duo kombinierte Tharpes Gitarre mit Knights Klavier und Gesang. Darüber hinaus dokumentiert der Song eine der bedeutendsten musikalischen Partnerschaften der 1940er-Jahre und eine der unsichtbarsten Liebesgeschichten.
Weitere wichtige Songs: „This Train“, „Down by the Riverside“, „Gospel Train“
„Down by the Riverside“ wurde 2004 in die National Recording Registry der Library of Congress aufgenommen. Außerdem basierte Little Walters R&B-Hit „My Babe“ (1955) direkt auf Tharpes Version von „This Train“. Auch „Shout Sister Shout“ und „That’s All“ gehören zu ihren bekanntesten Stücken.
Welche Gitarre spielte Sister Rosetta Tharpe?
Rosetta Tharpe spielte eine weiße Gibson SG Custom mit drei Humbucker-Tonabnehmern – ein Instrument, das für seine Klangbreite und sein Volumen bekannt ist. In früheren Jahren nutzte sie andere Gibson-Modelle, darunter eine L-5 und eine Les Paul. Den verzerrten Sound, der zu ihrem Markenzeichen wurde, erzeugte sie auf denkbar einfache Weise: Sie drehte ihren kleinen Röhrenverstärker auf volle Lautstärke.
Was ihr Spiel so besonders machte, war dabei die Technik. Tharpe spielte nämlich keine Akkorde – sie spielte einzelne Töne, Melodien und Riffs, dazu schnelle Slides und ein aggressives Vibrato. Sie nutzte Verzerrung dabei nicht als Unfall, sondern als bewusstes Stilmittel. Das war in den frühen 1940er-Jahren beispiellos. Erst zwanzig Jahre später würden Clapton und Hendrix ihre Verstärker auf ähnliche Weise in den roten Bereich fahren. Tharpe soll dazu gesagt haben, kein Mann könne so spielen wie sie, denn sie spiele besser.
War Rosetta Tharpe queer?
Die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Tharpe lebte in einer Zeit, in der Offenheit für queere Schwarze Frauen gefährlich war. Biografin Gayle Wald formulierte es im Interview mit Out in The City so: Sie glaube, dass Tharpe Beziehungen zu Frauen hatte. Allerdings wisse sie nicht, ob Tharpe je ein Wort zur Selbstbezeichnung nutzte. In der Gospelwelt habe man die Privatsphäre geschützt – um niemandem die Karriere zu ruinieren.
Die bedeutendste Beziehung in Rosettas Leben war die zu Marie Knight. 1946 sah Tharpe die junge Sängerin und Pianistin bei einem Konzert in Harlem – und war sofort fasziniert. Sie überzeugte Knight, mit ihr aufzutreten. Daraufhin wurden sie ein Bühnenduo und tourten gemeinsam durch die USA. Laut Gayle Wald waren die beiden darüber hinaus wohl auch ein Paar – wobei Wald betont, dass sie keine Bezeichnung nennen könne, die Tharpe selbst nutzte. Es ist also die Einschätzung einer Forscherin, die über Jahre Zeitzeugen befragte. Kein Beweis, aber auch keine Spekulation. Sicher ist: Zwei Schwarze Frauen, die Ende der 1940er gemeinsam tourten und ihre Geschäfte selbst führten, waren allein schon dadurch eine Provokation. 1950 trennte sich das Duo.
Ein Jahr später heiratete Tharpe ihren Manager Russell Morrison – im Griffith Stadium vor 25.000 zahlenden Fans. Marie Knight war Trauzeugin. Insgesamt war Rosetta dreimal verheiratet. Kinder hatte sie keine.
Wo lebte Sister Rosetta Tharpe?
Rosetta Tharpe lebte an mehreren Orten in den USA. Aufgewachsen war sie zunächst in Cotton Plant, Arkansas. In den 1920er-Jahren zog sie dann mit ihrer Mutter nach Chicago. Ab 1938 lebte sie in New York City. Danach kaufte sie 1947 ein Haus in Richmond, Virginia, wo sie fast ein Jahrzehnt lebte. In den 1950er-Jahren verbrachte sie zudem viel Zeit in Europa, vor allem in England. Schließlich lebte sie ihre letzten Jahre in Philadelphia, Pennsylvania – dem Ort, an dem sie auch starb und begraben liegt.
Ist Sister Rosetta Tharpe die Mutter des Rock ’n‘ Roll?
Hat Sister Rosetta Tharpe den Rock ’n‘ Roll erfunden? Kein einzelner Mensch erfindet eine Musikrichtung. Aber: Tharpe spielte bereits 1938 verzerrte E-Gitarre zu Gospelgesang mit Swing-Rhythmus. Das ist exakt die Formel, die ab den 1950ern Rock ’n‘ Roll heißen wird – nur zehn bis fünfzehn Jahre früher. Der Musikkritiker Maurie Orodenker schrieb bereits 1942 über ihren Stil als „Rock and Roll Spiritual Singing“. Der Begriff Rock ’n‘ Roll existierte als Genrebezeichnung zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Warum ist Rosetta Tharpe also wichtig? Weil ohne sie die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts anders verlaufen wäre. Und weil ihre Unsichtbarkeit kein Zufall ist. Die erste Klasse der Rock & Roll Hall of Fame 1986 liest sich wie eine Liste von Tharpe-Schülern: Elvis, Berry, Little Richard. Tharpe selbst kam erst 2018 rein. Biografin Gayle Wald sagte dazu bei NPR: Vergessen passiere nicht von allein – es sei ein aktiver Vorgang, und er treffe vor allem Schwarze Frauen in der Musik.
Was sagte Chuck Berry über Sister Rosetta Tharpe?
Der Einfluss von Rosetta Tharpe auf die erste Rock-Generation ist vielfach belegt – durch die Musiker selbst:
- Chuck Berry wird in zahlreichen Quellen mit dem Satz zitiert, seine gesamte Karriere sei eine lange Nachahmung von Rosetta Tharpe gewesen. Allerdings existiert eine verifizierte Primärquelle für das Zitat nicht. Was sich belegen lässt: Berry übernahm von Tharpe nachweislich den E-Gitarrensound und zentrale Elemente seiner Bühnenpräsenz.
- Little Richard traf Tharpe 1947 als Teenager. Sie hörte ihn singen, holte ihn daraufhin auf die Bühne und bezahlte ihn – sein erster Auftritt außerhalb der Kirche. Er nannte sie danach zeitlebens seine wichtigste Inspiration.
- Elvis Presley wurde laut PBS von fünf Künstlern maßgeblich geprägt – Tharpe war eine davon. Gordon Stoker von den Jordanaires berichtete, Elvis habe vor allem ihr Gitarrenspiel bewundert.
- Johnny Cash bezeichnete sie bei seiner Hall-of-Fame-Rede 1992 als seine Lieblingssängerin. Seine Tochter Rosanne Cash bestätigte das öffentlich.
- Jerry Lee Lewis erklärte dem Kritiker Peter Guralnick: Diese Frau singe religiöse Musik, aber sie singe Rock ’n‘ Roll – sie springe da rein, sie schlage die Gitarre, und er habe nur staunen können.
Darüber hinaus nannten auch Keith Richards, Eric Clapton, Bob Dylan, Aretha Franklin, Tina Turner und Jimi Hendrix Tharpe als Einfluss. Hendrix soll gesagt haben, er wolle spielen wie sie. Dylan bezeichnete sie als „powerful force of nature“. Dennoch war sie jahrzehntelang in Schulbüchern und Rock-Dokus häufig höchstens nur eine Fußnote.
Eine Schwarze Frau gegen die Grenzen ihrer Zeit
Rosetta Tharpe tourte in den 1940er-Jahren durch ein Land, das sie als Bürgerin zweiter Klasse behandelte. Die Jim-Crow-Gesetze verboten ihr, in Hotels zu schlafen oder in Restaurants zu essen. Also kaufte sie sich einen eigenen Tourbus – ihr Mittel gegen die Demütigungen der Rassentrennung, wie Gayle Wald dokumentierte.
Gleichzeitig brach sie eine Konvention nach der anderen. Sie tourte etwa mit den Jordanaires, einem rein weißen Männerquartett und nannte sie „my four white babies“. Außerdem nahm sie mit dem Country-Sänger Red Foley eines der ersten interracial Duetts der amerikanischen Musikgeschichte auf. Im Apollo Theater gewann sie zudem „Guitar Battles“ gegen männliche Musiker, die anschließend zugeben mussten, dass eine Frau sie ausgespielt hatte.
In der Gospelgemeinde war sie hingegen umstritten. Denn Auftritte in Nachtclubs, neben Showgirls, galten als Verrat am Glauben. Gayle Wald schrieb, Rosetta habe sich „wie eine Entertainerin gekleidet, nicht wie eine missionierende Evangelistin“: Pelze, Perücken, Schmuck. Hinter der Bühne fluchte sie laut Wald „wie ein Matrose“. Die Kirchenleute wollten eine fromme Schwester. Die Clubbesitzer wollten eine Entertainerin. Rosetta war beides und ließ sich von niemandem sagen, was davon sie zu sein hatte.
Was geschah mit Sister Rosetta Tharpe? Ihre letzten Jahre
In den 1950ern schwand Tharpes Popularität in den USA. Denn der Rock ’n‘ Roll, den sie mitgeprägt hatte, gehörte jetzt jüngeren Männern. Außerdem verlor sie ihren Plattenvertrag bei Decca. Die Musik, die sie erschaffen hatte, machte andere reich und berühmt. Sie selbst geriet an den Rand.
Ab 1957 tourte sie stattdessen erfolgreich durch Europa – England, Frankreich, Spanien, Deutschland. In einem Interview mit dem Londoner Daily Mirror sagte sie 1957: All das neue Zeug, das man Rock ’n‘ Roll nenne – das spiele sie doch schon seit Jahren. Ihre Tourneen ebneten den Weg für Muddy Waters und andere Blues-Größen. Keith Richards, Eric Clapton und Jeff Beck sahen sie live und ließen sich von ihrem Sound zur britischen Bluesszene inspirieren, die wenig später in die British Invasion mündete.
1964 entstand dann der legendäre Auftritt auf dem Bahnhof in Manchester. Doch danach ging es bergab. 1968 starb ihre Mutter Katie Bell während einer Tournee in England. Katie Bell war Rosettas engste Vertraute gewesen – Lehrerin, Managerin, Reisebegleiterin, ein ganzes Leben lang. Dazu kam Diabetes, die Rosetta kaum behandelte.
1970 erlitt sie einen Schlaganfall. Eines ihrer Beine musste daraufhin amputiert werden. Sie tourte trotzdem weiter. Tatsächlich stammt die letzte bekannte Aufnahme aus Dänemark, ebenfalls 1970 – „Precious Lord“, gewidmet ihrer toten Mutter.
Am 9. Oktober 1973 starb Rosetta Tharpe im Temple University Hospital in Philadelphia, am Vorabend einer geplanten Aufnahme. Sie wurde 58 Jahre alt. Marie Knight kam, um sie für die Beerdigung herzurichten. Begraben wurde sie auf dem Northwood Cemetery – in einem unmarkierten Grab. Die Frau, die einst zwei Häuser und einen Cadillac besessen und vor 25.000 Menschen gespielt hatte, lag 36 Jahre lang ohne Grabstein unter der Erde. Erst 2009 wurde einer aufgestellt, finanziert durch eine Spendenaktion.
Anerkennung und Vermächtnis
Elvis, Chuck Berry und Little Richard kamen 1986 in die Rock & Roll Hall of Fame – die allererste Klasse. Alle drei hatten direkt von Tharpe gelernt. Tharpe selbst musste hingegen 32 Jahre länger warten. Erst 2018 wurde sie aufgenommen, in der Kategorie „Early Influence“. Brittany Howard von den Alabama Shakes hielt die Laudatio.
Weitere Stationen: 1998 eine Briefmarke des US Postal Service. 2004 nahm die Library of Congress „Down by the Riverside“ auf. 2007 die Blues Hall of Fame. 2008 erklärte Pennsylvania den 11. Januar zum „Sister Rosetta Tharpe Day“. 2015 kam „This Train“ in die Grammy Hall of Fame. 2022 spielte Yola sie im Film „Elvis“. 2023 listete Rolling Stone sie auf Platz 6 der 250 größten Gitarristen aller Zeiten – vor Keith Richards und Jeff Beck. Die Rock & Roll Hall of Fame nennt sie die „erste Gitarrenheldin“ des Rock.
Gibt es einen Film über Sister Rosetta Tharpe?
Ja. Die wichtigste Dokumentation ist „The Godmother of Rock and Roll“ (BBC, 2011), die 2013 als Teil der PBS-Serie American Masters ausgestrahlt wurde.
Das Musical „Marie and Rosetta“ (2016) erzählt die Geschichte von Tharpe und Marie Knight.
Ein weiteres Musical, „Shout, Sister, Shout!“, basiert auf Gayle Walds Biografie. Im Film „Elvis“ (2022) wird Tharpe von Yola dargestellt.
2025 gab Amazon MGM Studios bekannt, dass Lizzo Rosetta Tharpe in einem Biopic spielen wird. Lizzo erklärte, sie kämpfe seit Jahren für diese Geschichte. Das geplante Biopic soll ihre Geschichte erstmals für ein breites Kinopublikum erzählen.
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Auch unvergessen:
Bildquellen
- Sister Rosetta Tharpe beim Helsinki Jazz Festival, 1964. Foto: Kalervo Manninen / Wikimedia Commons, CC BY 4.0 – Hintergrund entfernt.
Textquellen
- Wald, Gayle F.: Shout, Sister, Shout!: The Untold Story of Rock-and-Roll Trailblazer Sister Rosetta Tharpe. Boston: Beacon Press, 2007.
- Heilbut, Anthony: The Gospel Sound: Good News and Bad Times. New York: Limelight Editions, 1997.
- Guralnick, Peter: Lost Highway: Journeys & Arrivals of American Musicians. Boston: Back Bay Books, 1979.
- NPR: „Forebears: Sister Rosetta Tharpe, The Godmother Of Rock ‚N‘ Roll.“ 24. August 2017.
- Britannica: „Sister Rosetta Tharpe – Biography, Songs & Death.“
- Encyclopedia of Arkansas: „’Sister Rosetta‘ Tharpe (1915–1973).“
- PBS / American Masters: „Timeline: The Years of Sister Rosetta Tharpe.“ Von Gayle Wald.
- Rolling Stone: „250 Greatest Guitarists of All Time.“ Oktober 2023.
- Smithsonian: „Sister Rosetta Tharpe: The Godmother of Rock and Roll.“
- National Women’s History Museum: „Sister Rosetta Tharpe.“
























