Rosalind Franklin
DNA-Pionierin, deren Daten die Doppelhelix enthüllten
Geboren: 25. Juli 1920 in London, Vereinigtes Königreich
Verstorben: 16. April 1958 in London, Vereinigtes Königreich

Wer war Rosalind Franklin?
Rosalind Franklin war eine der wichtigsten Wissenschaftlerinnen des 20. Jahrhunderts – auch wenn ihr Name lange nicht in den Lehrbüchern stand. Geboren am 25. Juli 1920 in London, arbeitete sie als Biophysikerin und Chemikerin an einer der zentralen Fragen der modernen Wissenschaft: Wie ist die DNA aufgebaut?
Heute wird die Entdeckung der DNA-Struktur meist mit James Watson und Francis Crick verbunden. Was dabei oft fehlt, ist die Tatsache, dass das entscheidende experimentelle Fundament von Rosalind Franklin stammt. Ihre Röntgenbeugungsdaten machten erstmals sichtbar, dass DNA eine regelmäßige, helikale Struktur besitzt. Ohne diese Daten hätte es das berühmte Doppelhelix-Modell nicht gegeben.
Dass Franklin dafür zu Lebzeiten kaum Anerkennung erhielt, gehört zu den größten wissenschaftshistorischen Versäumnissen des 20. Jahrhunderts.
Herkunft und Kindheit: Früh klug, früh „unbequem“
Rosalind Franklin wuchs in einer wohlhabenden, liberal-jüdischen Familie im Londoner Stadtteil Notting Hill auf. Bildung und gesellschaftliche Verantwortung hatten im Elternhaus einen hohen Stellenwert. Ihr Vater Ellis Franklin engagierte sich aktiv für jüdische Flüchtlinge aus dem nationalsozialistischen Deutschland.
Schon als Kind zeigte Rosalind eine außergewöhnliche analytische Begabung. Sie liebte Mathematik, argumentierte präzise und stellte Autoritäten infrage. Bereits als Teenager war für sie klar, dass sie Wissenschaftlerin werden wollte – ein Ziel, das für Mädchen dieser Zeit alles andere als selbstverständlich war. Auch innerhalb der Familie stieß dieser Wunsch zunächst auf Skepsis, insbesondere beim Vater. Rosalind setzte sich dennoch durch.
Studium in Cambridge: Leistung ohne Gleichberechtigung
1938 begann Franklin ihr Studium der Naturwissenschaften am Newnham College der University of Cambridge, einem der wenigen Colleges für Frauen. Fachlich gehörte sie zu den Besten ihres Jahrgangs. Formal blieb ihr dennoch die volle Anerkennung verwehrt: Frauen erhielten zu dieser Zeit keinen gleichwertigen akademischen Abschluss.
Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Franklin an der Verbesserung von Gasmaskenfiltern aus Kohle. Diese Forschung war kriegsrelevant und zeigte bereits, was ihre Arbeit später auszeichnen sollte: die Verbindung von theoretischer Präzision mit praktischer Relevanz.
Promotion und Kohleforschung: Ein frühes Meisterwerk
1945 promovierte Rosalind Franklin über die physikalische Chemie von Kohle und karbonisiertem Material. Sie entwickelte ein neues Modell zur inneren Porenstruktur von Kohlenstoffen und lieferte damit grundlegende Erkenntnisse für Industrie, Energie- und Materialforschung.
Diese Arbeiten machten sie international bekannt und etablierten sie als Expertin für Röntgenstrukturanalyse. Bis heute werden ihre Kohle-Publikationen zitiert – ein Teil ihres Werks, der oft im Schatten der späteren DNA-Forschung steht, ihr wissenschaftliches Niveau aber eindrucksvoll belegt.
Paris: Wissenschaft auf Augenhöhe
Zwischen 1947 und 1951 arbeitete Franklin in Paris im Labor von Jacques Mering, einem der führenden Spezialisten für Röntgenbeugung. Hier perfektionierte sie ihre experimentellen Techniken, entwickelte neue Auswertungsmethoden und publizierte erfolgreich.
Diese Jahre galten für Franklin als besonders erfüllend. Der Grund lag nicht nur in der wissenschaftlichen Freiheit, sondern auch in der Arbeitskultur: Respekt, Zusammenarbeit auf Augenhöhe und Anerkennung ihrer Kompetenz – Dinge, die ihr später in England oft fehlten.
Die DNA-Forschung am King’s College London
1951 kehrte Rosalind Franklin nach England zurück und begann ihre Arbeit am King’s College London. Ziel war es, die Struktur der DNA mithilfe von Röntgenbeugung aufzuklären. Die Aufgabe erwies sich als außerordentlich komplex: DNA reagierte empfindlich auf Feuchtigkeit, Temperatur und Strahlung, frühere Messungen waren widersprüchlich.
Franklin brachte Systematik in dieses Forschungsfeld. Sie optimierte die Probenpräparation, kontrollierte konsequent die Umgebungsbedingungen und erreichte eine Präzision, die es zuvor nicht gegeben hatte. Damit legte sie die Grundlage für den entscheidenden Durchbruch.
Was hat Rosalind Franklin bezüglich der DNA entdeckt?
Rosalind Franklin entdeckte nicht die DNA selbst – diese war bereits seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Ihr entscheidender Beitrag bestand darin, die räumliche Struktur der DNA experimentell aufzuklären.
Sie konnte zeigen, dass DNA in unterschiedlichen Formen vorkommt und dass die biologisch relevante Form, die sogenannte B-DNA, eine helikale Struktur besitzt. Ihre Messungen belegten, dass das Phosphatrückgrat außen liegt, während die Basen im Inneren angeordnet sind, und dass sich diese Struktur in regelmäßigen Abständen wiederholt.
Diese Ergebnisse lieferten erstmals belastbare Daten darüber, wie DNA tatsächlich aufgebaut ist – und machten die Entwicklung eines Strukturmodells überhaupt erst möglich.
Photo 51: Das Bild, das alles veränderte
Im Mai 1952 entstand gemeinsam mit ihrem Doktoranden Raymond Gosling ein Röntgenbild, das später als Photo 51 berühmt werden sollte. Das charakteristische X-förmige Beugungsmuster war ein eindeutiger Hinweis auf eine Doppelhelix.
Franklin erkannte die Bedeutung des Bildes sofort, ging jedoch weiter als viele ihrer Kollegen. Statt vorschnell zu schlussfolgern, analysierte sie die Daten akribisch, überprüfte Berechnungen und hinterfragte mögliche Interpretationen. Für sie galt: Eine Hypothese ist erst dann belastbar, wenn sie vollständig durch Daten gedeckt ist.
Haben Watson und Crick Rosalind Franklin bestohlen?
Während Rosalind Franklin noch an der präzisen Auswertung ihrer Daten arbeitete, gelangte Photo 51 ohne ihr Wissen zu James Watson. Maurice Wilkins, Franklins Kollege am King’s College, zeigte ihm das Bild. Kurz darauf entwickelten Watson und Francis Crick ihr berühmtes Doppelhelix-Modell.
Von Diebstahl im juristischen Sinn kann keine Rede sein. Wissenschaftlich betrachtet ist die Weitergabe zentraler Daten ohne Zustimmung jedoch problematisch. Franklins eigene, äußerst präzise Arbeiten erschienen zeitgleich – blieben aber im Schatten des Modells, das auf ihren Ergebnissen basierte.
Warum bekam Rosalind Franklin keinen Nobelpreis?
Der Nobelpreis für die Entdeckung der DNA-Struktur wurde 1962 an James Watson, Francis Crick und Maurice Wilkins verliehen. Rosalind Franklin war zu diesem Zeitpunkt bereits vier Jahre tot. Nobelpreise werden grundsätzlich nicht posthum vergeben.
Hinzu kommt, dass Franklins Rolle zu Lebzeiten unterschätzt wurde. Ihre Zurückhaltung bei spekulativen Modellen, die Machtverhältnisse am King’s College und die damaligen Geschlechterrollen trugen dazu bei, dass ihre Leistungen nicht die Aufmerksamkeit erhielten, die sie verdient hätten.
Wie starb Rosalind Franklin?
Rosalind Franklin starb am 16. April 1958 im Alter von nur 37 Jahren an Eierstockkrebs. Die Erkrankung war 1956 diagnostiziert worden. Trotz Operation und Bestrahlung arbeitete sie fast bis zuletzt weiter, leitete Forschungsprojekte und veröffentlichte neue Ergebnisse.
Immer wieder wird diskutiert, ob ihre intensive Arbeit mit Röntgenstrahlung zur Erkrankung beigetragen haben könnte. Ein eindeutiger wissenschaftlicher Beleg dafür existiert nicht; viele Biograf:innen gehen eher von genetischen Faktoren aus.
Hatte Rosalind Franklin Kinder?
Nein. Rosalind Franklin war nicht verheiratet und hatte keine Kinder. Ihr Leben war jedoch keineswegs ausschließlich von Arbeit geprägt. Sie reiste viel, liebte Bergsteigen, pflegte enge Freundschaften und galt im privaten Kreis als humorvoll, warmherzig und gesellig – ein Kontrast zu dem Bild der „schwierigen Wissenschaftlerin“, das ihr im akademischen Umfeld oft zugeschrieben wurde.
Späte Anerkennung und Vermächtnis
Erst Jahrzehnte nach ihrem Tod begann eine umfassende Neubewertung von Rosalind Franklins Beitrag zur DNA-Forschung. Biografien, Theaterstücke und wissenschaftshistorische Arbeiten rückten sie zunehmend ins Zentrum der Geschichte.
Heute tragen Schulen, Straßen, Forschungsinstitute und Programme ihren Namen. Rosalind Franklin steht exemplarisch für all jene Frauen, deren Leistungen lange unsichtbar blieben – nicht aus Mangel an Brillanz, sondern aufgrund struktureller Ausgrenzung.
Zitate von Rosalind Franklin
- „You look at science (or at least talk of it) as some sort of demoralising invention of man, something apart from real life, and which must be cautiously guarded and kept separate from everyday existence. But science and everyday life cannot and should not be separated. Science, for me, gives a partial explanation for life. In so far as it goes, it is based on fact, experience and experiment.“
- „In my view, all that is necessary for faith is the belief that by doing our best we shall succeed in our aims: the improvement of mankind.“
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Auch unvergessen:
Bildquellen
Textquellen
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Fölsing, Ulla (1990): Nobel-Frauen: Naturwissenschaftlerinnen im Porträt. München: Beck.
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Hucke, Petra (2023): Die Entdeckerin des Lebens: Rosalind Franklin.
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Klug, Aaron (1968): „Rosalind Franklin and the discovery of the structure of DNA.“ In: Nature 219 (24. August 1968), S. 808–810, 843–844.
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Maddox, Brenda (2013): Rosalind Franklin: The Dark Lady of DNA. New York: HarperCollins.
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McGrayne, Sharon Bertsche (1993): Nobel Prize Women in Science: Their Lives, Struggles, and Momentous Discoveries. New York: Birch Lane.
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Ogilvie, Marilyn Bailey / Meek, Kerry Lynne (1996): Women and Science – An Annotated Bibliography. New York & London: Garland.
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Sayre, Anne (1975): Rosalind Franklin and DNA. New York: W.W. Norton & Company.
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Watson, James D. (1969): Die Doppel-Helix; ein persönlicher Bericht über die Entdeckung der DNS-Struktur. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. [Original: The Double Helix, London: Weidenfeld and Nicolson, 1968; kritische und erweiterte Ausgabe hrsg. von Gunther Stent, New York: W.W. Norton & Co., 1980]. Einführung Heinz Haber. Aus dem Englischen von Vilma Fritsch.
























