Nellie Bly
Investigative Journalistin & Weltumrunderin
Geboren: 05.05.1864 in Cochrans Mills, Vereinigte Staaten
Verstorben: 27.01.1922 in New York City, Vereinigte Staaten

Wer war Nellie Bly?
Nellie Bly, geboren als Elizabeth Jane Cochran im Mai 1864, war eine der furchtlosesten Journalistinnen ihrer Zeit – und zweifellos eine der bedeutendsten der Geschichte. Sie nutzte die Macht der Presse, um soziale Missstände aufzudecken, trat gegen Ungerechtigkeit an und sprengte die gesellschaftlichen Schranken für Frauen im Journalismus. Ihre mutigen Undercover-Recherchen und ihre legendäre Weltreise machten sie zur Ikone – nicht nur für ihre Generation, sondern für alle, die glaubten, eine Stimme sei machtlos. Nellie Bly bewies das Gegenteil.
Kindheit & Herkunft
Elizabeth wuchs in Cochran’s Mills, Pennsylvania, auf – einem Ort, der sogar den Namen ihrer Familie trug. Nach dem frühen Tod ihres Vaters verschlechterte sich die finanzielle Lage der Familie erheblich. Ihre Mutter heiratete erneut, doch die Ehe war unglücklich und von Gewalt geprägt. Diese Erfahrungen prägten Elizabeth nachhaltig: Sie sah, wie wenig Rechte Frauen hatten und wie leicht ihr Schicksal durch andere – meist männliche – Hände bestimmt wurde.
Schon früh entwickelte sie einen starken Sinn für Gerechtigkeit. Obwohl sie nur kurzzeitig am Indiana Normal College studieren konnte – das Geld reichte nicht –, las sie viel, bildete sich autodidaktisch weiter und schrieb früh gegen soziale Missstände an.
Neuer Name, große Bestimmung: Sozialkritischer & feministischer Journalismus
Im Jahr 1885 veröffentlichte der Pittsburgh Dispatch einen Artikel mit dem provokanten Titel „What Girls Are Good For“ – eine rückschrittliche Abrechnung, in der behauptet wurde, Frauen seien vor allem für Ehe, Kinder und Haushalt gemacht. Die damals 20-jährige Elizabeth Jane Cochran konnte das nicht unkommentiert lassen: Sie verfasste einen scharfzüngigen, klugen Leserbrief, der das Rollenbild in Frage stellte. Der Brief beeindruckte den Chefredakteur so sehr, dass er ihr kurzerhand eine Stelle anbot.
Für ihre journalistische Karriere brauchte sie ein Pseudonym. Inspiriert wurde der Redakteur vom beliebten Lied „Nelly Bly“ des Komponisten Stephen Foster – ein beschwingtes Stück über eine unabhängige, lebenslustige Frau. Aus „Nelly“ wurde „Nellie Bly“ – eine kleine Änderung, ein großer Name. Er sollte bald für investigativen Mut, gesellschaftlichen Wandel und Pioniergeist stehen.
Schon in ihren ersten Artikeln zeigte sie, wofür sie wirklich „gut“ war: Statt über Mode oder Kochrezepte zu schreiben, wie es von Journalistinnen erwartet wurde, berichtete sie über Kinderarbeit, Scheidung, Armut und die Ausbeutung in Textilfabriken. Doch als man sie auf die sogenannte „Frauenseite“ abschob, kündigte sie und ließ sie sich nicht bremsen: Mit Anfang 20 reiste sie allein nach Mexiko und schrieb mutige Reportagen über Zensur, Korruption und soziale Ungleichheit. Es war der erste Beweis ihres kompromisslosen journalistischen Talents – und nur der Anfang.
Blackwell’s Island: „Ten Days in a Mad-House“
Im Jahr 1887 wagte Nellie Bly ein Experiment, das sie weltberühmt machen sollte. Sie ließ sich freiwillig in die berüchtigte psychiatrische Anstalt auf Blackwell’s Island einweisen. Um das zu erreichen, spielte sie überzeugend eine Geisteskranke, übernachtete sogar in einem Heim, ließ sich von Ärzten untersuchen – und wurde schließlich offiziell als Patientin aufgenommen.
Was sie in der Anstalt erlebte, war erschütternd: Die Patientinnen wurden mit eiskalten Wasserbädern malträtiert, bekamen verdorbene Nahrung, mussten stundenlang still sitzen und wurden bei kleinsten „Auffälligkeiten“ brutal behandelt. Einige Frauen sprachen kaum Englisch, galten aber fälschlich als unzurechnungsfähig. Viele waren arm oder körperlich krank – nicht psychisch instabil. Nach zehn Tagen holte sie die New York World aus der Anstalt – und veröffentlichte ihre Recherche als „Ten Days in a Mad-House“.
Diese Reportage war ein Schock für das Publikum – und ein Wendepunkt in der amerikanischen Sozialpolitik. Als direkte Folge der Berichterstattung wurden öffentliche Gelder erhöht, um die Zustände in staatlichen Einrichtungen zu verbessern. Misshandelnde Pflegekräfte wurden entlassen, das Personal professionalisiert, Übersetzer für nicht-englischsprachige Patientinnen eingestellt und die medizinische Betreuung reformiert. Ihre Arbeit führte zu einer nationalen Debatte über den Umgang mit psychisch Kranken – und legte die Grundlage für Reformen im gesamten US-Gesundheitssystem.
„Escaping the Mad-House: The Nellie Bly Story“
Die Missstände, die Nellie Bly im „Women’s Lunatic Asylum“ aufdeckte, veränderten das US-Gesundheitssystem – und wurden 2019 im TV-Film „Escaping the Madhouse: The Nellie Bly Story“ eindrucksvoll verfilmt.
In der Hauptrolle brilliert Christina Ricci als mutige Reporterin, die sich undercover in die berüchtigte Anstalt einweist, um über Zwang, Vernachlässigung und psychische Gewalt zu berichten. Judith Light verkörpert die strenge Heimleiterin mit erschreckender Präzision. Der Film setzt Nellies Mut und Durchhaltevermögen eindrucksvoll in Szene – und erhielt für seine schauspielerische Leistung und cineastische Qualität mehrere Nominierungen, darunter von der Canadian Society of Cinematographers, dem ACTRA Award sowie den Women’s Image Network Awards. Ein kraftvolles Porträt über eine Frau, die den Journalismus neu definierte.
Die Weltreise: 72 Tage, 6 Stunden, 11 Minuten
1889 wollte Bly ein weiteres Tabu brechen: Allein um die Welt reisen – und zwar schneller als die 80 Tage, die Jules Verne seinem fiktiven Helden Phileas Fogg zugestand. Viele hielten sie für verrückt. Eine Frau? Ohne Begleitung? Mit nur einer Handtasche?
Doch sie zog es durch: Am 14. November 1889 startete sie von New York, durchquerte England und Frankreich, traf Jules Verne persönlich in Amiens, fuhr weiter über das Mittelmeer und den Suezkanal nach Ceylon (heute Sri Lanka), reiste durch Singapur, Hongkong und Japan. Von dort aus überquerte sie den Pazifik mit einem Dampfschiff und fuhr per Sonderzug zurück nach New York, wo sie am 25. Januar 1890 triumphal empfangen wurde.
Die Reise dauerte exakt 72 Tage, 6 Stunden und 11 Minuten – ein Rekord. Millionen verfolgten die Berichte täglich in der Zeitung. Ihre Route war nicht nur physisch, sondern auch kulturell und emotional eine Herausforderung. Sie reiste ohne männlichen Schutz, in einer Zeit, in der das für Frauen als gefährlich und unpassend galt – und wurde zur Heldin einer ganzen Nation.
Weitere Recherchen & spätere Jahre
Nellie Bly ruhte sich nie auf ihrem Ruhm aus. In den folgenden Jahren berichtete sie weiterhin investigativ – über Korruption, Armut, Arbeitsbedingungen in Fabriken und Ungleichheit vor Gericht. Sie schrieb über Scheidung aus Sicht der Frau, über schlecht bezahlte Verkäuferinnen, über verwahrloste Kinder.
Nach dem Tod ihres Ehemanns übernahm sie dessen Stahlunternehmen und bewies sich auch als Geschäftsfrau. Später berichtete sie während des Ersten Weltkriegs als eine der ersten weiblichen Kriegsreporterinnen aus Europa.
Berühmte Zitate von Nellie Bly
- “Energy rightly applied and directed will accomplish anything.” ➪ „Energie, richtig angewendet und gelenkt, kann alles erreichen.“
- “I said I could and I would. And I did.” ➪ „Ich sagte, ich kann und ich werde. Und ich tat es.“
- “It is only after one is in trouble that one realizes how little sympathy and kindness there are in the world.” ➪ „Erst wenn man in Schwierigkeiten ist, erkennt man, wie wenig Mitgefühl und Güte es in der Welt gibt.“
- “I always liked fog, it lends such a soft, beautifying light to things that otherwise in the broad glare of day would be rude and commonplace.” ➪ „Ich habe Nebel immer gemocht – er verleiht den Dingen ein weiches, verschönerndes Licht, die im grellen Tageslicht grob und gewöhnlich wirken würden.“
- “While I live I hope.” ➪ „Solange ich lebe, hoffe ich.“
- “Nonsense! If you want to do it, you can do it. The question is, do you want to do it?” ➪ „Unsinn! Wenn du etwas tun willst, kannst du es tun. Die Frage ist nur: Willst du es wirklich?“
- “The insane asylum on Blackwell’s Island is a human rat-trap. It is easy to get in, but once there it is impossible to get out.” ➪ „Die Irrenanstalt auf Blackwell’s Island ist eine menschliche Rattenfalle. Es ist leicht, hineinzukommen – aber einmal dort, ist es unmöglich, wieder hinauszugelangen.“
- “A pretty young Hebrew woman spoke so little English I could not get her story except as told by the nurses. They said her name is Sarah Fishbaum, and that her husband put her in the asylum because she had a fondness for other men than himself.” ➪ „Eine hübsche junge Jüdin sprach so wenig Englisch, dass ich ihre Geschichte nur über die Krankenschwestern erfahren konnte. Sie sagten, sie heiße Sarah Fishbaum, und ihr Ehemann habe sie in die Anstalt gebracht, weil sie Zuneigung zu anderen Männern zeigte.“
- “What is this place?” I asked of the man, who had his fingers sunk into the flesh of my arm. “Blackwell’s Island, an insane place, where you’ll never get out of.” ➪ „‚Was ist das für ein Ort?‘ fragte ich den Mann, dessen Finger sich in meinen Arm gebohrt hatten. ‚Blackwell’s Island – ein Irrenhaus, aus dem du niemals herauskommst.‘“
- “I have never written a word that did not come from my heart. I never shall.” ➪ „Ich habe nie ein Wort geschrieben, das nicht aus meinem Herzen kam – und das werde ich auch nie tun.“
Was bleibt: Ihr Einfluss & ihr Vermächtnis
Nellie Bly veränderte den Journalismus – und damit die Gesellschaft. Ihre Reportagen waren der Beweis, dass journalistische Arbeit Einfluss haben kann, wenn sie mutig, unerschrocken und wahrhaftig ist. Sie ebnete unzähligen Journalistinnen den Weg und war ihrer Zeit weit voraus.
Heute erinnern zahlreiche Schulen, Preise, Bücher und sogar ein Themenpark in New York an sie. Ihr Name steht für investigative Exzellenz und gesellschaftliches Engagement. Vor allem aber: für den Beweis, dass man auch als Frau im 19. Jahrhundert Grenzen sprengen konnte – wenn man mutig genug war.
* Dein Kauf stärkt feministische Projekte
Einige der Links auf dieser Seite sind sogenannte Affiliate-Links. Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen. Wenn du über einen dieser mit „(Werbung*)“ gekennzeichneten Links einkaufst, erhalte ich vom jeweiligen Anbieter eine kleine Provision – für dich entstehen dabei keine Mehrkosten. Das Beste daran: Alle Provisionen werden an feministische Projekte gespendet. Support mit Wirkung – ganz einfach!
Auch unvergessen:
Bildquellen
- Nellie Bly (1889) — Foto: Senator John Heinz History Center.
Lizenz: Public Domain.
Jetzt auf Wikimedia Commons ansehen.
Anpassungen: Hintergrund entfernt.
Textquellen
- Spiegel Geschichte (2019): „Star-Reporterin Nellie Bly und ihre Reise in 72 Tagen um die Welt“. In:
Spiegel.de. - Welt Geschichte (2024): „Die Reporterin, die Psychiatrien zu besseren Orten machte“. In:
Welt.de. - Bly, Nellie (1887): „Ten Days in a Mad-House“. Ersterscheinung in der Zeitung New York World, später als Buch veröffentlicht.
- National Women’s History Museum (o. J.): „Nellie Bly“. In:
Womenshistory.org. - ARD alpha (o. J.): „Nellie Bly – Journalistin, investigativer Journalismus“. In:
ARDalpha.de. - Frauenleben Podcast (o. J.): „Nellie Bly (1864–1922)“. In:
Frauenleben-Podcast.de.














